Out of the Dark

Ein verdreckter Fußboden, zugemauerte Fenster, ein zerbrochener Spiegel, ein rostiges Metallgestänge mit einer zerschlissenen Matratze, das sich früher vielleicht einmal Bett genannt hatte. Darauf lag Nosedive auf dem Bauch und starrte mit fiebrigem Glanz in den Augen die schimmlige Wand an. Sein Shirt war am Rücken zerfetzt. Striemen von getrocknetem Blut zeigten sich darunter. Über ihm flackerte eine Neonröhre. Sie leuchtete immer, seit er hierher gebracht worden war. Tag und Nacht ließ sie ihr kaltes Licht erstrahlen. Er schloss die Augen, versuchte zu schlafen, wenn auch wieder mal nur für wenige Minuten. Mehr konnte er nicht tun, um alledem zu entfliehen - den Schmerzen, der Einsamkeit, dem Hunger, dem quälenden Durst. Selbst Fieberträume waren angehehmer als das. Wie lange war er schon hier? Nur wenige Tage oder doch bereits seit Wochen? Seine Zeit in Freiheit schien so lange zurückzuliegen. Damals hatte er das Versteck der Widerstandsbewegung als Gefängnis angesehen. Seiner Meinung nach wurde zu viel geplant und zu wenig getan. Er wollte einfach nur raus, ein wenig für sich sein. Jetzt wollte er viel lieber wieder in seinem gemütlichen "Gefängnis" bei den anderen sein, als in Einzelhaft in einem ehemaligen Hotelzimmer.

Draußen herumzulaufen, war keine gute Idee, wenn man als ein Mitglied des Widerstands bekannt war. Hunterdrones hatten ihn gesichtet und umzingelt. Bei dieser Überzahl an Feinden war der Kampf nur ein kurzer gewesen. Man hatte ihn in ein Gebäude gebracht, das in friedlichen Zeiten ein Hotel gewesen war. Nun war es von den Sauriern übernommen und in ein Gefängnis verwandelt worden. Nosedive hatte Geschichten gehört, dass Gefangene gefoltert wurden. Damals hatte er noch Angst vor den Schmerzen gehabt, mittlerweile wusste er, dass es Schlimmeres gab.
Ja, man hatte ihn physisch gefoltert, anfangs. Er hatte versucht, es zu verdrängen, jedes Mal, wenn man ihm wieder eine kleine Pause gegönnt hatte und er in seine Kammer gesperrt worden war. Selbst Fleischwunden konnten heilen. Das Einzige was blieb, war die Erinnerung an Schmerzen. Doch dann hatten die Saurier ihre Methoden. Nach weiteren qualvollen Stunden der Folte, hatte man ihn wieder in die kleine, dunkle Kammer zurück geworfen, wo er vor Erschöpfung eingeschlafen war, ungeachtet der Schmerzen. Vielleicht war er auch einfach bewusstlos geworden, er wusste es nicht.
Die Peitsche, die ihn auf den Rücken traf, riss ihn aus diesem wunderbaren Zustand des Nicht-mehr-Fühlens, schlug ihm blutige Wunden in die Haut, ließ ihn vor Schmerz aufschreien. Und dann hörte man auf ihn zu schlagen, zerrte ihn hoch, band ihm die Hände - wieso, er hätte sich ohnehin kaum zur Wehr setzen können - und brachte ihn ein paar Stockwerke höher zu einem anderen Zimmer. Er wurde hineingestoßen, landete unsanft auf dem harten Boden, hinter ihm fiel die Tür ins Schloss und wurde abgesperrt. Einige Zeit lang lag er einfach nur auf der Seite, hörte dem Summen der Neonröhre und dem schnellen Pochen seines Herzens zu, spürte, wie das blutige Rinnsal auf seinem Rücken langsam versiegte. Es roch nach Staub und Moder. Nach mehreren Minuten stemmte er sich endlich in die Höhe und sah sich um. Jemand hatte die Fenster zugemauert und der Raum enthielt nicht mehr Möbel als ein rostiges Bettgestänge mit einer zerfetzten Matratze darauf und einen zerbrochenen Spiegel, dessen Scherben auf dem Boden verstreut lagen. Daneben war noch ein kleinerer Raum ohne Tür. Nosedive konnte ein altes Waschbecken und eine Toilette mit zertrümmertem Deckel erkennen. Er langte nach einer Spiegelscherbe und durchtrennte seine Fesseln, dann erhob er sich vorsichtig, wankte ins Badezimmer und drehte Probeweise den Wasserhahn auf. Eine rötlich-braune Brühe quoll daraus hervor. Der junge Erpel verzog das Gesicht. Das würde er nicht einmal dann trinken, wenn er kurz vor dem Verdursten war. Die Klospülung funktionierte überhaupt nicht mehr. Er verließ den kleinen Raum wieder, kehrte ein paar der Scherben auf dem Weg mit den Füßen beiseite und setzte sich vorsichtig auf das Bett. Es ächzte zwar, aber immerhin trug es sein Gewicht. Er ließ sich zurücksinken, rollte dann sofort auf den Bauch, als sein Rücken schmerzlich protestierte. Warum man ihm ein größeres und helleres Zimmer gegeben hatte, wusste er nicht, und derzeit wollte er auch nicht darüber nachdenken. Einfach nur schlafen, schlafen und die Schmerzen vergessen, bis man ihn wieder holte.
Ein Klappern ließ ihn hochfahren. Doch es hatte niemand die Tür geöffnet. Eine Schüssel war durch eine kleine Klappe geschoben worden. Langsam stand Nosedive auf, ging hinüber zur Tür und hob die Schüssel auf. "Suppe" wäre noch eine äußerst großzügige Bezeichnung gewesen für das, was sich darin befand. Man hatte einfach einen Teil von einem Suppenwürfel hineingeworfen, kaltes Wasser darüber gegossen und gehofft, der Würfel würde sich irgendwie darin auflösen. Dive leerte sie trotzdem in einem Zug. Es war die erste Flüssigkeit, die er seit Stunden, vielleicht sogar einem Tag bekommen hatte. Danach ging er erneut zurück zum Bett, um zu schlafen. Was sonst konnte er hier tun? Außerdem musste er Schlaf nachholen und Kräfte tanken, solange er noch konnte. Wer wusste schon, wann sie ihn erneut holen würden?
Erneut schreckte er hoch, doch diesmal war alles still. Wie lange hatte er geschlafen? Sein Zeitgefühl war komplett durcheinander geraten. Er stand auf, ging ein paar Runden durch den Raum, setzte sich dann wieder auf's Bett. Langsam verstand er, dass die Zeit der physischen Folter vorbei war und die der psychischen begonnen hatte. Töten konnte man ihn nicht, noch nicht. Dazu war er eine viel zu wichtige Informationsquelle. Doch als er unter Schmerzen nichts preisgeben hatte wollen, hatten sie die Taktik geändert. Man wollte ihn mürbe machen, doch damit würden sie keinen Erfolg haben, dachte Nosedive zuerst noch. Er würde dies leicht durchstehen können. Vor weiteren Schmerzen hatte er Angst, aber mit Einsamkeit und Langeweile würde er fertig werden. Ganz alleine war er nicht - es gab genug Saurier um ihn herum - und außerdem hatte er immer wieder etwas gefunden, womit er sich beschäftigen konnte, warum nicht auch jetzt? So hatte er zumindest noch vor ein paar Tagen gedacht. Doch jetzt... Immer dieselben Gegenstände um ihn herum, das Bett, der Spiegel, das zugemauerte Fenster, das Waschbecken, die Toilette, nichts zu lesen oder zu schreiben, keine Ablenkung, kein fremdes Gesicht, nichts. Ab und zu, wenn Durst oder Hunger drohten übermächtig zu werden, wurde wieder etwas durch die Klappe in der Tür geschoben. Er hatte versucht, eine Suppenschüssel als Frisbee zu benutzen. Sie war dermaßen fragil, dass sie bei ihrer Landung auf dem Bett zerbrach. Alles, was er hatte, waren seine eigenen Gedanken. Das war es, was sie wollten. Er sollte an seinen eigenen Gedanken würgen, bis er nichts Anderes mehr konnte, als sie auszuspeien. Eine wichtige Informationsquelle. Um sich irgendwie zu beschäftigen, versuchte er sich, an alles zu erinnern, was er jemals auswendig gelernt hatte. Kinderlieder, die Hymne, Gedichte. Dann versuchte er zu rechnen, beliebige Zahlen zu multiplizieren und dividieren, aber er konnte sich kaum auf etwas konzentrieren. Die meiste Zeit verbrachte er auf dem Bett. Noch nicht einmal schlafen konnte er richtig. Er schreckte immer wieder hoch, reagierte auf das kleinste Geräusch. Zuvor hatte er Schmerzen erfahren, aber er hatte immerhin noch den Kontakt zu den Wächtern gehabt, selbst wenn dieser sich hauptsächlich auf Spott und Verhöre beschränkt hatte, und er hatte andere Teile des Gebäudes gesehen. Jetzt war es so, als würde er permanent unter Strom stehen. Er war dazwischen einige Male verhört worden - die einzige Art von Zerstreuung - aber immer von einem Roboter, der auf einige wenige Fragen programmiert worden war und die Antworten aufzeichnete. Kein anderes lebendiges Wesen seit Tagen, vielleicht Wochen. Stress und nur schlecht verheilende Wunden, sein Körper reagierte darauf auf seine eigene Art und Weise. Nosedive bekam fieberähnliche Anfälle, fühlte sich meistens sogar zu schwach, sich zur Tür zu schleppen und seine Rationen abzuholen.
Jetzt lag er einfach nur noch auf seinem Bett, starrte die Wand an, ohne sie wirklich zu sehen. Ihm war heiß und kalt zugleich. Er hatte höllischen Durst, aber die letzte Ration war erst vor kurzer Zeit gekommen. Außerdem wusste er nicht, ob er überhaupt noch in der Lage war, je wieder aufzustehen.

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Das Gebäude war sicher bewacht. Man hatte sich nicht wirklich gegen Ausbrüche abgesichert. Die Gefangenen waren geschwächt und verletzt, man hatte sie leicht unter Kontrolle. Gefahr kam eher von außen, von den Ducks, die ihre gefangenen Freunde befreien wollten. Die einzige Möglichkeit, hineinzukommen, war, sich gefangen nehmen zu lassen, und genau das hatte Wildwing getan. Es hatte ihn Einiges an Arbeit gekostet, Canard zu überreden, ohne dessen Zustimmung er nicht zu dieser gefährlichen Mission aufbrechen wollte, aber er hatte schlussendlich doch sein Okay erhalten. Jeder wusste, wie nahe sich die Flashblade-Brüder standen und dass sie alles füreinander tun würden.
In Gefangenschaft zu kommen, war einfach - man musste nur ein wenig die patroullierenden Saurier reizen und vielleicht auch noch durchklingen lassen, dass man einem gewissen Widerstand angehörte. Man schickte ihn durch dieselbe schmerzliche Tortur wie schon Nosedive zuvor, doch er steckte es weg, so gut er konnte. Jeden Tritt, jeden Peitschenhieb, er musste es durchstehen, für seinen Bruder. Gespräche der Soldaten hatten ihn herausfinden lassen, dass Nosedive - meistens wurde er als "Gefangener Nummer 103" bezeichnet - in einem der oberen Stockwerke in Einzelhaft saß. Jetzt brauchte er nur noch eine passende Gelegenheit...

"Ich frage dich nur noch einmal: Wo befindet sich das Hauptversteck des Widerstands?"
Diesmal war Draganus höchstpersönlich zu einem der Verhöre erschienen.
"Und ich sage es dir ebenfalls zum letzten Mal, du taube Echse, ich weiß es nicht." Wildwing versuchte, so viel Hass wie nur möglich in jedes einzelne Wort zu legen. Was er sagte, stimmte. Seit Nosedives Verschwinden hatten sie täglich den Ort gewechselt. Es waren Tage vergangen, seit er sich von Canard verabschiedet hatte. Mittlerweile konnten sie überall sein.
Dragaunus packte Wildwing an den Kopffedern, riss seinen Kopf zurück. Er hätte ihm leicht das Genick brechen können. "Du scheinst zäh zu sein. Vielleicht behandeln wir dich hier zu gut."
Wildwing schwieg und starrte ihn nur hasserfüllt an.
Ihr Verhör wurde von einem der Wächter unterbrochen.
"Ich muss Euch kurz sprechen, Herr."
Sie gingen aus dem Raum, doch ließen die Türe hinter sich nur angelehnt. Wildwing konnte Teile des Gesprächs mitanhören.
"Gefangener Nummer 103 scheint sich selbst aufgegeben zu haben. Er rührt sein Essen nicht mehr an und hat sich seit dem letzten Verhör nicht mehr von seinem Bett wegbewegt."
"Was? Bei ihm waren wir am Weitesten von allen. Könnt ihr ihm das Zeug nicht mit Gewalt einflößen?"
"Zwecklos, Herr, wenn sich jemand dazu entschlossen hat, zu sterben, dann können wir kaum etwas dagegen tun."
"Schön, dann lasst ihn verrecken."
Wildwing starrte zu Boden. Dive... Er brauchte einen klaren Kopf. Wenn er jetzt das richtige tat, konnte zumindest der erste Teil seines Plans klappen - wieder bei Nosedive zu sein, selbst wenn er dann nicht mehr für ihn tun konnte, als ihm in den letzten Minuten seines Lebens beizustehen. Nein, an so etwas durfte er nicht denken. Dive würde überleben.
Draganus, der soeben den Raum wieder betreten hatte, fiel die Veränderung an seinem Gefangenen auf. "Ach, kein Hass mehr in deinem Blick? Kein Stolz? Ehrlich, du siehst aus, als hättest du gerade einen Geist gesehen."
Wildwings Gehirn arbeitete nur langsam, aber immerhin arbeitete es. Langsam formulierte es die Worte.
"Du kannst meinen Bruder nicht einfach sterben lassen." Nur ein kleiner Satz, nicht mehr und nicht weniger, nur der Hinweis, was ihn mit Nosedive verband. "Ach, dein Bruder ist er also?" Ein teuflisches Grinsen. Er fragte nicht einmal, woher Wildwing wusste, wer mit Nummer 103 gemeint war, sondern winkte die Wächter zu sich. "Ich wollte dich ohnehin in Einzelhaft sperren lassen, aber das macht die Sache noch besser, wenn auch nicht unbedingt für dich. Bringt ihn auf Zimmer 103. Erst darf er zusehen, wie sein Bruder stirbt, dann darf er das freigewordene Zimmer gleich als seine neue Zelle benutzen. Mal sehen, wie schnell wir ihn dann weich bekommen."
Eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Sorge breitete sich in Wildwing aus, als sie ihn in eines der oberen Stockwerke führten. Es hatte geklappt, er durfte seinen Bruder wiedersehen, die Frage war nur, für wie lange. Hatte der Wächter wirklich Recht gehabt und Dive lag bereits im Sterben? War er zu spät gekommen?

Nosedive lag zusammengerollt auf seinem Bett. Sein Blick glitt zur Tür, als die sich öffnete. Was wollten sie noch? Das letzte Verhör war doch erst vor wenigen Minuten gewesen. Doch dann sah er Wildwing in den Raum stolpern. Nein, das konnte nur eine Halluzination sein. Er hob den Kopf ein wenig, streckte schwach den Arm aus. "Wingster..."

Als Wildwing ihn sah, rannte er sofort zu ihm, kniete sich neben das Bett, nahm Dives Hand in seine und strich ihm mit der anderen sanft über die Stirn. Der junge Erpel glühte nicht nur vor Fieber, er verbrannte schon fast. Doch auch wenn er schwach war, war da noch immer dieser Funke Lebenswillen in seinen Augen. Seine Schwäche war der einzige Grund, warum er das Bett nicht mehr verlassen hatte. "Du bist ... wirklich da..." Nosedives Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. "Warum haben sie dich zu mir gelassen?"
"Tja, als ich bei der Rezeption nachfragte, teilten sie mir mit, sie hätten keine Zimmer mehr frei, also musste ich leider mit deinem Vorlieb nehmen." Wildwing wusste selbst nicht, woher sein plötzlicher Anflug von Humor kam, doch all der Schmerz, all die Verzweiflung, all der Hass der vergangenen Tage war wie weggeblasen, als er wieder bei seinem Bruder war - als wäre all das nur Teil eines Alptraums gewesen.
Ein leichtes Lächeln huschte über Nosedives Gesicht, das erste seit Wochen. Es fühlte sich seltsam an, aber nicht unangenehm, hatte etwas Befreiendes an sich. "Du brauchst Wasser", stellte Wildwing plötzlich fest. "Wie lange hat man dir schon nichts mehr zu trinken gegeben?" Er holte die Schüssel, die wie immer bei der Tür stand. Als die Wächter geöffnet hatten, hatten sie leider die Suppenschüssel umgestoßen und deren Inhalt hatte sich über den Fußboden verteilt. Aber es gab ja noch das Waschbecken.
"Man kann das nicht trinken", krächzte Nosedive, "Vollkommen verdreckt."
"Ich werde es mir ansehen", meinte Wildwing und drehte den Hahn auf. Rötlich braun, das bedeutete, die Leitungen waren nur eingerostet. Vergiftet konnte das Wasser nicht sein, denn die Saurier mussten dasselbe trinken. Alles, was er brauchte, war etwas, um die Rostpartikel zu filtern. Er holte eine Spiegelscherbe, suchte sein Shirt nach einer Stelle ab, die nicht allzu arg von Blut oder Dreck verschmutzt war und fing an, den Stoff abzutrennen. Diesen Fetzen hielt er dann über den Wasserhahn gezogen, während er die Schüssel füllte. Es war nicht komplett sauberes Wasser, aber immerhin sah es trinkbarer aus, und von ein wenig Rost allein war noch keiner gestorben.
Er half Nosedive, sich aufzusetzen, flößte ihm Wasser ein. Eine Flucht konnte vielleicht doch etwas schwieriger werden als gedacht. In seinen Plänen war Nosedive kräftiger gewesen, aber irgendwie würde er es auch so schaffen. Erst einmal musste er sich um Dives Fieber kümmern. Er versuchte sich zu erinnern. Als Nosedive noch zu klein für die meisten Medikamente war, hatte Mutter ihm immer erst feuchte Wickel gemacht. Das Wasser hier war kalt genug. Wildwing griff wieder nach der Spiegelscherbe. Sein Shirt war ohnehin bereits zerfetzt.

Nosedive war bald wieder eingeschlafen, endlich wieder ein ruhiger, tiefer Schlaf. Es gab keinen Grund mehr, ständing in Alarmbereitschaft zu sein. Wildwing war ja da, um aufzupassen.
Eigentlich hätte Wildwing ihn zusätzlich zu den kühlenden Wadenwickeln unter eine warme Decke stecken müssen, aber mehr als seine Jacke konnte er ihm nicht anbieten. Derzeit arbeitete er an der Tür. Hier in der Einzelhaftzelle musste man zwar nicht ständig damit rechnen, von hereinstürmenden Wächtern gestört zu werden, aber er hatte trotzdem nur einen knappen halben Tag Zeit, bis die Verhöre wieder begannen - wenn sie sahen, dass Dive noch immer lebte und sich vielleicht sogar erholte, würde man ihn wieder von Wildwing trennen.
Die Tür war vorhin nach innen aufgegangen, was auch bedeutete, dass die Angeln innen lagen. Selbst eine verschlossene Tür konnte man noch immer aus den Angeln heben. Spiegelscherben dienten ihm als Schraubenzieher, ein nasser Suppenwürfel lag in der Nähe für den Fall, dass etwas nicht so rutschte, wie er es gerne hätte und er etwas Fett benötigte. Gelegentlich brach eine der Scherben in noch kleinere Stücke, aber er hatte bald herausgefunden, wie man sie richtig hielt und ansetzen musste. Er hielt kurz inne. Jetzt müssten die Wachen bald ihre Runden durch dieses Stockwerk beginnen. Kaum eine Minute später hörte er sie auch die Treppen heraufsteigen. Sein Zeitgefühl war noch in Ordnung, es musste in Ordnung sein, denn es könnte bei ihrer Flucht überlebenswichtig sein. Im Gegensatz zu Nosedive hatte Wildwing seine Gefangennahme geplant und mehrere Informationen eingeholt - unter anderem Tipps zum Ein- und Ausbruch von einem gewissen Juwelendieb in der Truppe. Duke hatte es für wichtig gehalten, den Rhythmus des Gegners zu kennen, also hatte Wildwing die Wächter beobachtet und belauscht, soweit er nur konnte. Er hatte sie in regelmäßigen Abständen an seiner Tür vorbeigehen oder die Treppen hinauf- und hinabsteigen gehört, hatte Gesprächsfetzen aufgeschnappt, hatte manchmal während eines Verhörs einen Blick auf Zeitpläne werfen können. Seine Zeit war derzeit nicht mehr eingeteilt in Stunden und Minuten, sondern in Runden und Wachablösen. Wenn er sich richtig an die Zeitpläne erinnerte, gingen in den oberen Stockwerken weniger Saurier auf Streife. Sie verließen sich darauf, dass den Gefangenen ohnehin die Kraft für einen Ausbruch fehlte.
Seinem Gefühl nach musste die Nacht bereits hereingebrochen sein. Es wurde Zeit. Vorsichtig stupste er Nosedive, bis dieser erwachte. "Hey, Dive, wir müssen los. Jetzt oder nie." Er fühlte noch einmal die Stirn seines Bruders. In den letzten paar Stunden war das Fieber gesunken, aber trotzdem noch immer nicht ganz verschwunden. "Kannst du aufstehen?"
"Ich ... versuch's..."
Nur mit Wildwings Hilfe schaffte er es aufzustehen, musste sich auf seinem Bruder abstützen, um gehen zu können. Er war noch immer viel zu schwach. Auf diese Weise würden sie nicht weit kommen.
"Weißt du was? Ich werde dich Huckepack tragen müssen. Versuch dich, soweit es geht mit eigener Kraft festzuklammern, falls ich meine Hände brauche."
Wildwing hatte fast seine eigenen Verletzungen vergessen. Er wurde schmerzhaft wieder daran erinnert, als sich Nosedive an seinem Rücken festklammerte. Aber er hatte sie zuvor schon so lange ertragen, er würde es auch diese letzten Stunden schaffen.
Die letzte Schraube wurde entfernt, die Tür beiseite geschoben. Vorsichtig spähte Wildwing auf den hell erleuchteten Flur. Niemand zu sehen. Er marschierte los. Die Haupttreppe konnte er natürlich nicht benutzen, aber jedes Hotel besaß so etwas wie eine Feuertreppe, entweder an der Außenmauer angebracht oder im Gebäude. Zweiteres war ihm lieber, denn an der Mauer gaben sie ein zu gutes Ziel ab. Der Korridor machte eine Biegung, und am anderen Ende konnte Wildwing etwas sehen, das sein Herz schneller schlagen ließ. Ein kleines leuchtendes Zeichen, das auf einen Fluchtweg hinwies, hing über einer Tür. Doch als er näher kam, bekam seine Hoffnung einen Dämpfer - es war eine von diesen alarmgesicherten Türen. Das Letzte, was er wollte, war, das gesamte Hotel auf sich aufmerksam zu machen. Fieberhaft sah er sich um. Manchmal waren die Sicherungskästen für jedes Stockwerk auf den Gängen. Wenn er Glück hatte, dann auch in diesem Hotel. Und wenn er noch mehr Glück hatte, war es eines von diesen Modellen, bei denen jede Glühbirne ihren eigenen Sicherungsschalter hatte.
Das Schicksal war auf seiner Seite. Nur wenige Meter entfernt entdeckte Wildwing einen Sicherungskasten. Jeder der Schalter war mit einer anderen Zimmernummer beschriftet, nur bei zweien fehlte die Beschriftung. Welchen sollte er nehmen? Er beschloss sie beide zu drücken. Das Licht auf dem Flur erlosch, ebenso das Leuchtsignal über der Fluchttür.
"He, dort unten ist das Licht ausgeganen. Wir sollten besser mal nachsehen." Verdammt! Lichtkegel von Taschenlampen tanzten durch den finsteren Korridor. Wildwing tastete sich so schnell wie möglich zur Fluchttür. Er konnte spüren, wie Nosedive sich noch fester an ihn presste, wie sehr er zitterte. Endlich fanden seine Finger einen Griff, und er zog die Tür auf. Kein Alarm, doch das war mittlerweile fast schon egal. Wenn sie erst einmal den Stromkasten gefunden und das Licht wieder eingeschaltet hatten, würden sie bald die fehlende Tür und das leere Zimmer entdecken. Er hätte es wissen müssen. Der Anfang ihrer Flucht war fast zu einfach gewesen, und jetzt lief ihnen die Zeit davon.
Wildwing rannte, so schnell er nur konnte, die Treppe hinab. Über ihm wurden die Stimmen lauter. Hatten sie das Treppenhaus bereits erreicht? Das unterste Stockwerk - jetzt konnte er nur noch durch die Tür. Der Feueralarm ging los. So viel also zu einer gut geplanten Flucht. Bei Duke hatte sich alles so einfach angehört, aber Duke hatte jahrelange Erfahrung, Wildwing nur einige Theoriestunden.
Vor ihm lag ein weiß gekachelter Gang, links und rechts führten mehrere Türen davon weg. Wildwing betrat vorsichtig den ersten Raum. Er sah mehrere Körbe auf Rädern, große Waschmaschinen und darüber - Wingsters Herz begann schneller zu schlagen - Kellerfenster, die weder zugemauert noch vergittert waren.
"Dive, ich muss dich kurz absetzen. Wir passen nicht zu zweit durch das kleine Fenster." Er ließ seinen Bruder von seinem Rücken steigen. Nosedive hielt sich an einer Waschmaschine fest, stand da wie ein Schlafwandler - leicht schwankend, mit gesenktem Kopf und halb geschlossenen Augen - allerdings ein Schlafwandler, der vor Angst zitterte.
Wildwing kletterte auf die Maschine und versuchte das Fenster zu öffnen, es klemmte ein wenig, ließ sich nur langsam bewegen.
"Wingster..." Er sprach nur leise, aber seine Stimme klang unnatürlich hoch. "Sie ... sie kommen..."
Wildwing fuhr zusammen. Er konnte Schritte hören. Dem Klang nach waren sie noch im Treppenhaus, vielleicht im Erdgeschoß. Hoffentlich kamen sie noch nicht auf die Idee bis in den Keller zu laufen, hoffentlich glaubten sie, die Flüchtlinge hätten versucht, zum Haupteingang zu kommen. Wenn nicht, dann blieben nur noch wenige Sekunden.
"Nur nicht nervös machen lassen", hörte Wildwing Dukes Stimme in seinem Kopf, "Wenn du fahrig wirst, verlierst du kostbare Zeit." Der hatte gut reden...
Kalte Nachtluft strömte in den Raum. Er hatte das Fenster gerade weit genug öffnen können um durchzupassen, sprang von der Waschmaschine und hob seinen Bruder hinauf. "Du zuerst."
Nosedive zwängte sich durch das schmale Kellerfenster, rollte sich zur Seite in den weichen Schnee, um Wildwing Platz zu machen. Gerade als Windwing ebenfalls draußen war, knallte die Tür des Waschraums gegen die Wand.
"Das Fenster ist offen! Hier sind sie raus!"
Die Wächter machten kehrt und stürmten zum Treppenhaus zurück. Für etwa eine Sekunde starrte Wildwing verdutzt in den Raum zurück, dann begriff er: Die Saurier waren zu groß um durch das Fenster zu passen und hatten in dieser Hintergasse keine Wächter postiert.
Er half Nosedive wieder auf seinen Rücken, stand auf und lief los. Die Stadt hielt viele schmale Gassen und Schlupfwinkel bereit, doch leider endete hier sein Plan. Den Widerstand würde er nie alleine finden, und kaum einer der anderen Leute würde ihnen helfen können. Sie waren Flüchtlinge und zugleich Mitglieder der Widerstandsbewegung. Jeder, der ihnen Unterschlupf gewährte, würde sich selbst in Gefahr bringen, und das wollte Wildwing auf keinen Fall.
Am Anfang wählte er bewusst größere Straßen, um seine Spur mit anderen zu vermischen, danach wechselte er zu den schmalen Seitengassen. Die Stadt war wie leergefegt.
Auf Puckworld war es immer kalt, Temperaturen wie diese hätten dort vielleicht als Frühlingsanfang gegolten, aber trotzdem war es nicht ratsam nach draußen zu gehen, wenn man Fieber hatte. Oder wenn man sein Shirt in Fetzen geschnitten hatte. Verletzungen, Erschöpfung, Kälte. Wildwings Muskeln versagten ihren Dienst. Er stürzte auf die Knie. Keine Chance, er musste sich ausruhen. Nur kurz. Er lehnte sich gegen eine Hausmauer, zog Nosedive enger zu sich, damit sie sich gegenseitig wärmen konnten. Der junge Erpel hatte die Lider geschlossen, aber immerhin reagierte er noch, wenn auch nur schwach. Er war also weder bewusstlos, noch schlief er. Dafür fühlte sich Wildwing schrecklich müde. Er durfte nicht einschlafen, bevor er ein sichereres Versteck gefunden hatte als links und rechts je eine große Mülltonne, nur seinen Muskeln eine kurze Ruhepause gönnen. Seine Lider fielen ebenfalls zu.

"He, du!"
Wildwing fuhr hoch. Er war wirklich eingeschlafen. Wer war da in der Finsternis? "Ja, du, der hier halb nackt im Schnee sitzt. Wildwing."
Er sah zu der Gestalt auf, die auf einer der Mülltonnen stand.
"Duke!"
"Sht, braucht ja nicht gleich das ganze Viertel meinen Namen zu wissen. Canard hat mich geschickt. Ich hab die letzten paar Tage in der Nähe des Hotels verbracht und auf euch gewartet. Dachte schon fast, ihr hättet es nicht geschafft. Dann hörte ich von einem Aubruch und bin deiner Spur gefolgt. Alle Achtung, du hättest es sogar beinahe geschafft, einen Profi abzuhängen."
"Ich hatte einen guten Lehrer."
Wildwing erhob sich. Seine Muskeln schmerzten noch immer von der Kälte und Anstrengung, auch seine anderen Wunden spürte er deutlich. Nosedive erschauderte bei dem plötzlichen Verlust von Wärme an seiner Seite.
"Ich helfe dir, Dive zu tragen", sagte der ehemalige Dieb und sprang von seiner Tonne.
Wildwing schüttelte nur den Kopf. "Nein, es geht schon wieder. Konzentrier du dich lieber darauf, uns sicher zu einem Versteck zu führen."

Einige Zeit lang bewegten sie sich noch durch die Straßen, dann hob Duke einen Kanaldeckel, und sie kletterten ein kurzes Stück nach unten. Das einzige Mal, das sich Wildwing von Duke helfen ließ, denn Nosedive konnte sich mittlerweile nicht mehr aus eigener Kraft an Wingsters Rücken festhalten.
"Unser derzeitiges Versteck liegt unter der Erde und ist bis jetzt das sicherste, das wir je hatten."
"Kein Wunder", meinte Wildwing und versuchte so flach wie möglich zu atmen. "Oh, keine Sorge, es ist nur der Weg dorthin, der dermaßen müffelt. Die Aufenthaltsräume riechen angenehmer."
Sie nahmen mehrere Abzweigungen, gingen eine Treppe hinauf. Wildwing folgte Duke nur noch wie in Trance. Die Erschöpfung kam zurück, doch er kämpfte dagegen an. Noch war Nosedive nicht in Sicherheit.
Er wusste nicht mehr, wie genau sie ins Versteck gelangt waren, konnte sich nur noch erinnern, dass plötzlich andere Enten da waren. Endlich ließ er es zu, dass man ihm Nosedive abnahm, doch er wollte nicht, dass man ihn wegbrachte, wollte bei ihm bleiben, wenn es sein musste, Tag und Nacht bei ihm wachen. Er fühlte, wie ihn jemand stützte, als seine Beine wieder nachgeben wollten. "Wildwing, wir müssen uns auch um dich kümmern. Du bist verletzt."
"Nein, mir geht's gut. Ich bleibe bei Dive."
Das Zimmer fing an sich zu drehen, dann wurde es dunkel.

Als Wildwing die Augen wieder aufschlug, lag er auf einem Bett. Für einen kurzen Moment blitzte die Erinnerung an das Bett in Nosedives Zelle auf, doch dieses hier war heil und vor allem sauber, ein Knarren, als er sich bewegte, deutete ihm an, dass das Gestell aus Holz war. Außerdem waren die Wände um ihn herum rein weiß, und über ihm brannte eine Glühbirne, umgeben von einem Lampenschirm, keine nackte Neonröhre. Man hatte seine Wunden gereinigt und bandagiert.
"Geht es dir wieder besser?"
Canard stand neben dem Bett, die Arme verschränkt, und musterte ihn besorgt. "Du bist vor meinen Füßen kollabiert, aber wir hatten noch kaum Zeit, dich zu untersuchen, erst mussten wir uns um Dive kümmern."
"Wo ist er?"
"Im Zimmer gegenüber, aber ... he, du solltest besser liegen bleiben..."
Aber Wildwing war bereits aufgesprungen und aus dem Zimmer gerannt. Canard seufzte und folgte ihm ebenfalls.

Nosedive schlief noch immer tief und fest, wachte auch nicht auf, als Wildwing sich neben ihn setzte und seine Hand nahm.
"Hat er bis jetzt nur geschlafen?"
"Er war kurz mal wach, lange genug, um zu begreifen, dass er wieder bei uns und in Sicherheit ist", antwortete Canard. "Er hat nach dir gefragt, und als wir ihm gesagt haben, dass du im Nebenzimmer bist und wir uns gerade um deine Wunden kümmern, war er beruhigt und hat weitergeschlafen."
Einige Zeit lang herrschte Schweigen, dann fragte Canard: "Warum hast du dir von Duke nicht helfen lassen? Vertraust du ihm nicht?"
"Doch, aber es ist meine Verantwortung, mich um ihn zu kümmern, und es war auch meine Mission, ihn in Sicherheit zu bringen. Außerdem sollte sich Duke darauf konzentrieren, den besten Weg für uns zu finden."
"Aber du warst geschwächt."
"Er war mir nicht zu schwer und wäre es auch nie geworden. Schließlich ist er mein Bruder."
Erneutes Schweigen, dann wurde es wieder gebrochen, diesmal von Wildwing. "Was sagen eure Untersuchungen?"
"Nun ja, Fieber, Dehydrierung, Mangelerscheinungen, das alles sind Dinge, die wir wieder beseitigen können. Was mir größere Sorgen bereitet, ist, dass er irgendwelche psychischen Schäden davontragen könnte. Schließlich war er Wochen da drinnen."
"Dive ist stärker, als manche von uns glauben. So manch anderer wäre in derselben Situation nur noch dahinvegetiert und hätte sich vielleicht gewünscht zu sterben. Siehst du das hier?", er zog etwas aus seiner Hosentasche und hielt es Canard vors Gesicht. Es war die letzte Spiegelscherbe, die er als Schraubenzieher benutzt hatte. "Das lag einfach so in seinem Gefängnis. Haufenweise. Und sie sind sehr scharf. Wenn er sterben hätte wollen, so hätte er es getan. Aber Dive hat sich dazu entschieden, für das Leben zu kämpfen. Was auch immer ihm von seiner Gefangenschaft geblieben ist, er wird auch das schaffen."
"Wir werden sehen."
Nachdenklich beobachtete Wildwing Nosedive. Für seinen Bruder würde er durch die Hölle gehen, vielleicht waren die vergangenen Tage auch bereits die Hölle gewesen. Er würde es wieder tun, wenn er musste, und war sich sicher, dass auch Nosedive so denken würde. Der Krieg würde noch Jahre andauern, vielleicht Jahrzehnte, aber sie mussten es durchstehen. Füreinander.

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