Ohne dich

Zwei Wochen waren nun vergangen, seit sie Nosedive aus dem Krankenhaus entlassen hatten. Er war nicht wirklich lange dort gewesen. Nur zur Überwachung. Seine ständig wiederkehrende Übelkeit und die Kopfschmerzen waren von einer leichten Gehirnerschütterung gekommen. Nichts Ernsthaftes, darum hatte man ihn nach nur kurzer Zeit wieder gehen lassen. Alles, was ihm jetzt noch geblieben war, waren ein Gipsarm und eine Naht auf der linken Stirnhälfte. Ansonsten deutete nichts darauf hin, dass er einen Jetabsturz hinter sich hatte. Einer, der vielleicht tödlich hätte ausgehen können, hätte es sich bei der betreffenden Maschine nicht um die Aerowing gehandelt.
Dafür ertappte sich Wildwing häufig dabei, wie er Nosedive beobachtete, doch er versuchte, es sich abzugewöhnen. So ein Unfall hatte seine Nachwirkungen, auch für die nur indirekt Beteiligten. Man stand nicht jeden Tag vor den Trümmern eines Jets, in dem der eigene Bruder gefangen war. Aber Wildwing wusste auch, dass er deswegen nicht wie eine Glucke auf Dive hocken konnte, zumal der nur äußere Verletzungen davongetragen hatte.

Doch nicht nur Wingster beobachtete den Teenager nun häufiger. Es gab noch jemand anderen, der allerdings weniger auffällig dabei vorging, da er nicht wollte, dass die anderen davon wussten.

Nosedive stand im Hangar und betrachtete die Aerowing. Tanya hätte ihn in nur einem Tag reparieren können, doch die Lieferung von Ersatzteilen konnte hier auf der Erde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Derzeit war nur die Vorderseite provisorisch ausgeklopft worden. Die Scheibe fehlte noch immer, und der Motor lag auf dem Tisch daneben.
Es war das erste Mal, seit er daraus befreit worden war, dass er den Jet wiedersah. "Es ... es tut mir Leid..." Er flüsterte fast.
Tanya sah vom Motor auf, in den sie gerade die frisch gelieferten Kleinteile eingebaut hatte. "Was? Das hier? Sei nicht albern. Es ist nur eine Maschine, und die kann man reparieren. Wichtiger ist: Sie war stark genug, um dich vor Schlimmererm zu bewahren. Wir hätten dich verlieren können."
Sie ging in Richtung Tür, tätschelte im Vorbeigehen Dives linken Arm und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. "Denk nicht zu viel darüber nach. Wenn, dann trifft die Schuld die Saurier und nicht dich. Ich werd die Aerowing schon wieder hinbekommen. Und jetzt werd ich erst mal Grin suchen, damit er mir hilft, die große Kiste, die da noch irgendwo auf dem Korridor steht, hereinzubringen."
Einige Zeit lang stand der junge Erpel noch da und ließ den Blick über den mitgenommen aussehenden Jet schweifen.
"Ist alles in Ordnung mit dir?"
Dukes heisere Stimme ließ ihn zusammenfahren, und er wirbelte herum.
"Äh ... j-ja ... verdammt, musst du dich so anschleichen? Rennst du mir jetzt genauso hinterher wie Wildwing?"
"He, tut mir Leid, immer mit der Ruhe. Wingster ist schließlich nicht der einzige, der damals bei dir war, um dich aus dem Wrack zu holen. Ich bin grad vorbeigekommen und hab dich so nachdenklich vor der Aerowing stehen sehen."
"Ich bin nur gerade wieder an den Crash erinnert worden. Aber keine Sorge, es ist jetzt nichts, was mich in meinen Träumen heimsuchen würde oder so. Nur Erinnerungen." Er klopfte auf seinen Gips. "Und manche Dinge, die mich derzeit noch ziemlich stark daran erinnern, kommen auch früher oder später weg. Dann ist es nur noch eine nette Geschichte, mit der man prahlen kann. Ein Jetabsturz, damit können nicht viele Leute angeben. Weißt du, Thrash hat gemeint, mit dieser Naht da oben sehe ich echt zombiemäßig aus." Er grinste, doch irgendwie lag auch so etwas wie Traurigkeit in seinem Blick.
"He, was ist denn los mit dir?" Duke stellte sich jetzt vor ihn, legte ihm die Hände auf die Schultern und sah ihn mit leicht geneigtem Kopf an.
Nosedive senkte den Blick.
"Ich dachte daran, was, wenn das wirklich eine Narbe bleibt? Sie erstreckt sich über mein halbes Gesicht. Was, wenn ich jetzt für den Rest meines Lebens entstellt bin?"
"Glaub mir, mit Verletzungen und Narben kenne ich mich aus. Hab ja selber genug davon. Diese hier wurde gut genäht und wird auch gut verheilen. Und wenn etwas zurückbleibt, dann wird es nur schwach zu sehen sein, aber auch nur, wenn du dir die Federn rupfst , denn darunter wird sie nämlich komplett verschwinden."
Er fuhr sanft mit dem Finger über die Nähte. Der junge Erpel schloss die Augen. Plötzlich zuckte Dukes Hand zurück. Dive sah ihn wieder an.
"Siehst du? Selbst du findest es ekelhaft, sie anzufassen."
'Nein, mir ist nur gerade in den Sinn gekommen, dass ich diese zärtlichen Berührungen einem anderen Erpel zukommen lasse und das mitten im Hangar bei offenen Türen, aber das kann ich dir ja schlecht sagen.'
"Nein, ich ... ich hatte nur Angst, dass es dir vielleicht wehtun könnte."
Nosedive verdrehte die Augen, aber immerhin lächelte er jetzt wieder. "Erst Wildwing, dann auch noch du. Ihr behandelt mich, als wäre ich ein Porzellanpüppchen. Ist zwar lieb von euch, dass ihr euch Sorgen macht, aber nicht unbedingt notwendig. Es geht mir gut, mir scheint die Sonne aus dem Arsch." Er lachte.
Auch Duke musste grinsen. Und jetzt, da Dive seine Berührung nicht mehr ansprach, nutzte er die Gelegenheit, um das Thema zu wechseln.
"Wenn du schon mal draußen warst, hast du doch auch sicher bemerkt, dass die Menschen sich irgendwie komisch benehmen. Also noch komischer als zuvor. Sind irgendwie hektischer geworden und die Musik in den Läden hat sich stark verändert. Und erst die Dekorationen."
Der Teenager nickte. "Es ist so etwas wie ein Feiertag für die Menschen, nennt sich Weihnachten. Mookie hat mir davon erzählt, als ich im Laden mit ein paar Dekos geholfen hab. Vor Jahrhunderten, vielleicht sogar Jahrtausenden wurde an diesem Tag der Retter dieser Welt geboren oder so ähnlich. Der Drake DuCaine der Erde sozusagen. Die Menschen tauschen an diesem Tag Geschenke aus und dekorieren alles schön festlich. Immerhin hat Phil es aufgegeben, den Pond noch mehr zu schmücken."
Er hatte es immerhin versucht und für eine gute Idee gehalten, Fotos von einem komplett mit Dekorationsmaterial überladenem Hauptquartier zu machen. Ein Teil war von selbst heruntergefallen - Nägel ließen sich nicht in die Metallwände schlagen und Klebeband hielt nur für kurze Zeit - manche anderen Teile hatten sie abmontiert als Mallory anfing Zielübungen damit zu machen. Einige wenige Dinge waren geblieben, genug, um den Pond ein wenig zu verschönern, ohne kitschig zu wirken.
"Ich hab mich ja noch gar nicht so richtig bei dir bedankt", sagte Nosedive plötzlich.
"Wofür?", fragte der graue Erpel, auch wenn er es bereits ahnen konnte.
"Für deine Hand auf meiner Schulter, dafür, dass du mir gezeigt hast, dass ich nicht allein war."
"Ach das ... nun, ich war gerade in der Nähe der Tür, und der Spalt war gerade breit genug für einen Dieb mit geschickten Händen. Es war ja nur eine Berührung."
"Und sie war mir wichtig. Vorher wart ihr nur Schemen im Regen, ihr hättet genausogut eine Einbildung sein können. Doch dann war die Hand da. Deine Hand."
Dive hatte ihm die ganze Zeit, während er sprach, fest in die Augen gesehen.
Langsam spürte Duke so etwas wie Verlegenheit in sich hochsteigen, und am Liebsten hätte er den Blick abgewandt, doch andererseits ... in diesen blauen Augen hätte man versinken können.
Er schüttelte den Kopf, versuchte die Gedanken zu vertreiben.
"Äh ... was hältst du davon, wenn wir wieder zurückgehen? Hier im Hangar hängen wir nur Erinnerungen nach, die für meinen Geschmack etwas zu düster sind."
Auch Nosedive schien aus einer Art Trance zu erwachen. "Hm? Oh, ja, gehen wir."
Sie hatten zufälligerweise den selben Weg. Einerseits war das Duke nur zu recht, dass er noch ein wenig länger an Dives Seite bleiben konnte, aber andererseits machte das seine noch immer bestehende Verlegenheit auch nicht besser. Warum? Seit er denken konnte, war er selbstbewusst durch's Leben spaziert, und jetzt wusste er auf einmal nicht mehr, wohin mit sich. Fast wäre er gegen Dive gerannt, der plötzlich stehen geblieben war und nach oben blickte. Dort hing ein Büschel Grünzeug, das die Säuberungsaktion überlebt hatte.
"Weißt du, was das ist?", fragte der junge Erpel und drehte sich um.
"Etwas mit starkem Klebeband am anderen Ende, aber weiter reicht mein Kenntnisstand von Pflanzen der Erde noch nicht."
"Das ist ein Mistelzweig. Mookie hat mir gesagt, wenn man sich darunter begegnet, muss man sich küssen. Und wir beide stehen genau darunter."
Duke öffnete den Schnabel, wollte etwas sagen, doch dann blieb sein Blick wieder an dem Nosedives hängen. Der Kleine war plötzlich sehr ernst geworden, sah ihn an, als würde er auf irgendein Zeichen hoffen, das ihm sagte, dass es auch für Duke in Ordnung war. Der Ex-Dieb war sich sicher, dass er bereits so knallrot geworden war, dass es auch seine dunklen Federn nicht mehr verbergen konnten. Und irgendwo in seinem Inneren flüsterte eine leise Stimme: 'Es ist ein komplett ausgestorbener Gang und niemand scheint sich in einem der Zimmer in der Nähe aufzuhalten. Und wenn jemand kommen sollte, dann kannst du noch immer den Kuss schnell unterbrechen, und du hast nichts Anderes getan, als dich einer der Traditionen auf diesem Planeten anzupassen.'
Er kam dem Jüngeren näher, hielt kurz inne, nur eine Sekunde, um zu sehen, ob der andere nicht doch noch einen Rückzieher machen wollte. Ihre Schnäbel berührten sich, strichen zuerst nur sanft aneinander vorbei, doch dann schlang Duke die Arme um Dives Hüften und zog ihn in einen innigen Kuss.
Wie konnte man es am Besten beschreiben? Dukes Meinung nach hätte man diesen Kuss am Besten als süß bezeichnen können, wobei damit nicht nur der Geschmack gemeint war. Sein eigener etwas rauer Stil mischte sich mit dem von jemandem, der ansonsten zwar ungestüm war, aber sich hier offenbar noch auf unbekanntem Territorium bewegte, das er anfangs nur langsam und vorsichtig erforschen wollte. Doch Dive lernte schnell, sein Kuss wurde verspielter, er versuchte Duke ein wenig zu necken, indem er mit seiner nach dessen Zunge tastete, nur um seine dann doch wieder wegzuziehen. Seine linke Hand wanderte nun von Dukes Schulter zu seinem Nacken, strich durch die Federn dort, was Duke einen zusätzlichen Schauer über den Rücken jagte.
Nach viel zu kurzer und zugleich viel zu langer Zeit lösten sie sich wieder voneinander um nach Luft zu schnappen. Für einige Augenblicke standen sie nur da und sahen sich in die Augen.
"Was für eine wunderbare Erfindung der Menschen, sich gegenseitig ihre Zuneigung oder Freundschaft zu zeigen", kam eine Stimme hinter Duke. Er wirbelte herum, stellte sich schützend vor Nosedive. Vor ihm stand Grin und lächelte ihn an.
"Äh ... ja ..."
Mehr brachte der Ex-Dieb nicht hervor. Wie viel hatte Grin gesehen? War er bereits den ganzen Korridor unbemerkt entlanggegangen und hatte somit fast von Anfang an alles mitbekommen oder war er erst aus einer der in der Nähe liegenden Türen getreten und hatte somit nur bemerkt, dass sie genau unter dem Mistelzweig standen? Sein Gesicht verriet so viel wie immer, nämlich genau nichts.
"Tanya hat mir gesagt, dass hier irgendwo eine große Kiste steht", fuhr der Hüne fort.
"Ja, fast vor der Tür zum Hangar. Wir konnten sie nicht über die Schwelle heben", sagte Nosedive.
"Danke, ich werde mich darum kümmern."
Er wollte soeben vorbeigehen, als ihn Dive mit einem breiten Grinsen zurückhielt. "Wie du sicher gerade bemerkt hast, ist dies ein Mistelzweig. Und Tradition ist Tradition." Er stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte seinem Freund ein Küsschen auf die Wange. "Okay, jetzt darfst du gehen."
Grin drehte sich um zu Duke. "Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich dir derzeit keinen Freundschaftsbeweis geben kann, aber wir sind uns nicht genau unter dem Zweig begegnet."
Duke winkte ab. "Ach, macht nichts. Bin ohnehin nicht allzu angetan von den ganzen menschlichen Bräuchen."
Der große Erpel nickte nur und ging dann wieder weiter. Auch die beiden setzten ihren Weg wieder fort und trennten sich erst vor Dives Zimmer.
"Wir sehen uns morgen."
Er warf Duke noch einen letzten Blick zu, dann verschwand er in seinem Zimmer.

Drei Uhr zeigte der Wecker. Der graue Erpel lag auf seinem Bett und starrte an die Decke. Beim Training morgen Früh würde er auftauchen wie ein Schlafwandler, doch jetzt konnte er einfach keine Ruhe finden. Ständig spielte sich dasselbe in deinem Kopf ab.
'Meine Berührung war ihm wichtig.' - 'Er war unter Stress. In diesem Augenblick wäre er sogar dankbar für Phils Hand auf seiner Schulter gewesen.' - 'Und immerhin war es auch seine Idee, mich auf den Mistelzweig aufmerksam zu machen.' - 'Es war einfach nur ein netter Erdenbrauch, den er durchgeführt hat.' - 'Aber wenn er mich nicht küssen wollte, hätte er einfach weitergehen können.' - 'Er hat es nur getan, weil es auf der Erde so Tradition ist. Außerdem hat er ja auch Grin geküsst.' - 'Aber es war ein freundschaftlicher Kuss, nur auf die Wange.' - 'Na gut, nehmen wir mal an, er hat sich verliebt, aber ist es auch wirklich Liebe? Es gab schon Patienten, die der Krankenschwester ihre Liebe bezeugt haben, und dabei war es nur ein starkes Gefühl von Dankbarkeit, Abhängigkeit oder was auch immer, das sie in dieser Situation mit wahrer Liebe gleichgesetzt haben.' - 'Aber diese Phase hört doch auf, sobald sie das Krankenhaus verlassen haben. Warum dann nicht auch bei Dive, jetzt wo alles vorbei ist und angefangen hat zu heilen?' - 'Bis jetzt kannte auch noch keiner die Krankenschwestern mehr als nur flüchtig. Aber Dive und ich waren bereits vorher befreundet, vielleicht hält es deshalb länger an.' - 'Warum hat er es dann noch mal extra so betont - deine Hand - als er mit mir darüber gesprochen hat? Es war ihm wichtig, dass es ausgerechnet meine Hand war.' - 'Es war allein die Berührung wichtig, egal, von wem sie kam.'
Somit war er wieder am Anfang, und so ging es bereits die ganze Zeit. Was fühlte Nosedive für ihn? Was fühlte er selbst überhaupt? Konnte es nicht auch sein, dass er genauso überfürsorglich wie Wildwing geworden war? Nein, das war es nicht. Natürlich wollte er den Kleinen beschützen, aber noch viel mehr wollte er ihn einfach nur in seinen Armen halten, seine Küsse spüren, wieder in diesen blauen Augen versinken.
Irgendwann war er dann doch eingeschlafen, doch so wie er sich fühlte, konnten kaum mehr als fünf Minuten vergangen sein, als der Wecker läutete.

"Was ist nur los mit dir?", fragte Wildwing, "Du schläfst ja im Stehen ein. Hast du die Nacht durchgemacht?"
"He, jeder kann mal Schlafprobleme haben, und ich bin nicht der Typ, der dann gleich Schlaftabletten einwirft."
Nicht nur, dass ihm Wingster hier Vorträge hielt, nein, es saß auch noch Nosedive in einem der oberen Ränge und hatte live mitverfolgen können, wie Duke sich lächerlich machte.
"Erst die Suche nach einem Ersatzspieler, dann mussten wir dem genug Zeit geben, sich in unser Team einzuspielen, und jetzt trainieren wir auch noch einen Zombie, der sich für Duke hält. Wenn das so weitergeht, werden wir die Lachnummer des nächsten Spiels." Er schüttelte den Kopf und bewegte sich in Richtung Feldausgang. "Also, wenn mich jemand sucht, ich bin unter der Dusche und versuche, mich zu ertränken."
"Ein bisschen theatralisch heute, oder?"
Nosedive lehnte an der Bande und sah belustigt zu Duke hinüber.
"Hm, irgendwie schon. Als hätte er noch nie einen schlechten Tag gehabt."
"Aber zumindest in einem Punkt muss ich ihm Recht geben. Du siehst aus wie ein Zombie. Ich mit meiner Narbe und du mit Schlafentzug, wir geben ein gutes Team ab." "Ja, aber Schlafmangel lässt sich schneller beseitigen. Ich werd mich umziehen und mich dann aufs Ohr hauen."
Eigentlich wollte er nicht schlafen, wollte jeden Augenblick des Tages nutzen, um bei Dive zu sein, aber es hatte nur wenig Sinn, wenn er dabei herumlief wie in Trance. Außerdem sollten die anderen noch nicht unbedingt Wind davon bekommen, was er für den Kleinen empfand.
'Außerdem ist es noch nicht klar, ob er überhaupt etwas für dich empfindet.' - 'Nicht schon wieder Zweifel.' - 'Ich dachte nur gerade daran, ob er gestern nicht vielleicht nur den Kick des Neuen gesucht hat.' - 'Hat er bestimmt nicht.' - 'Er hat ein Spiel aus dem Kuss gemacht, vielleicht tut er dasselbe mit meinen Gefühlen.' - 'Es ist nun mal Nosedive. Diese Art zu küssen passt zu ihm.' - 'Und heute benimmt er sich in meiner Gegenwart wie immer. Ich mache mir Gedanken über unsere Gefühle füreinander und ob ich gut vor ihm dastehe, werde noch immer verlegen, wenn wir uns zu lange schweigend ansehen und er...' - 'Es ist Nosedive. Er denkt nicht lange darüber nach, er fühlt einfach.'
Während seines inneren Monologs hatte er gar nicht bemerkt, dass es im Umkleideraum immer leerer geworden war, und jetzt war er allein. Er setzte sich auf eine Bank, lehnte sich gegen den Spind dahinter. Wenn er doch nur endlich aufhören konnte mit diesen ewigen Zweifeln! Das brachte nichts und verunsicherte ihn nur. Ein Duke L'Orange konnte nicht zulassen, dass man ihn so schnell aus der Bahn warf. Vielleicht sollte er noch schnell eine kalte Dusche nehmen, um seinen Kopf ein wenig zu kühlen. Oder vielleicht...

Langsam schlug er die Augen auf. Sein Nacken fühlte sich leicht steif an. War er wirklich gegen den Spind gelehnt eingeschlafen? Musste so sein, schließlich fühlte er sich jetzt wacher als zuvor.
Nun bemerkte er auch, dass er nicht mehr alleine im Raum war. Auf der Bank gegenüber saß Nosedive und betrachtete etwas in seinen Händen, das sich bei genauerem Hinsehen als Schneekugel erwies. Er sah von seiner Kugel auf, und ihre Blicke trafen sich.
"Oh, du bist wach. Fühlst du dich jetzt besser?"
Er stand auf, ging zu Duke und setzte sich neben ihn.
"Mh, ja ein wenig. Woher hast du die Kugel?"
"Von Thrash und Mookie. Sie wollten sie eigentlich bei den Kiss Comics aufstellen, aber da war kein Platz mehr, also haben sie gemeint, ich soll sie behalten, falls ich mal eine kleine Erinnerung an Schnee brauche. Hier in Anaheim schneit es ja nur äußerst selten."
"Ja, das letzte Mal, als andere Außerirdische die Erde in einen Eiplaneten verwandeln wollten."
Duke betrachtete die Schneekugel genauer. Andere ihrer Art hätten vielleicht Bäume oder Gebäude enthalten. Diese hier zeigte die vier Mitglieder der Rockgruppe Kiss in einem Schneegestöber. Typisch für Thrash und Mookie, aber, nun ja, es sollte ja auch als Deko bei den Kiss Comics stehen.
"Hier sollte es jetzt eigentlich auch Winter sein", seufzte Nosedive. "Aber in Anaheim heißt das nur, dass es jetzt verstärkt regnet. Ich vermisse den Schnee von Puckworld."
"Wir hätten noch immer die Berge weiter oben im Norden. Oder ich lasse mir was einfallen."
"Du? Wie willst du Schnee nach Anaheim bringen?"
"So weit bin ich noch nicht. Ich bin erst mal beim Ich-lasse-mir-was-einfallen-Part. Ob mir dann auch wirklich eine Idee kommt, ist noch ungewiss."
Sie saßen so nahe beieinander, dass noch nicht einmal die kleine Schneekugel zwischen ihnen Platz gefunden hätte. Wo war dieses Mistel-Grünzeug wenn man es mal brauchte? Warum, er konnte Dive doch auch ohne küssen. Nur für den Fall, dass der Kleine es doch nie ernst gemeint hatte und damit Duke danach nicht in Erklärungsnot geraten würde. Schluss jetzt! 'Duke L'Orange, hör auf, dich wie ein verschrecktes Küken zu benehmen.'
Er schlang die Arme um die Hüften des anderen, zog ihn noch näher und küsste ihn. Erst schien der Teenager überrascht zu sein, doch dann ging er ebenfalls darauf ein, schlang seinen heilen Arm um Dukes Schultern, ließ seine Finger durch dessen Nackenfedern gleiten und räumte damit die letzten Zweifel aus Dukes Gedanken. So gut konnte Dive nicht schauspielern - er wollte wirklich mehr als nur einen kurzen Kick. Und die Erinnerungen an den Unfall, oder besser gesagt, die Rettungsaktion danach, waren es auch nicht, denn schließlich hatte er sich bis vor wenigen Sekunden noch in Gedanken auf Puckworld befunden.
Am Liebsten hätten die beiden einander nie mehr losgelassen, selbst wenn die Bänke und die Spinde hinter ihnen nicht gerade bequem waren. Einfach miteinander verschmelzen. Doch das Geräusch des Aufzugs zwang sie dazu, sich wieder von einander zu lösen. Konnte man denn hier nie alleine sein?
Die Türen glitten auf und Wildwing betrat den Raum.
"Du lebst ja noch, Bro", bemerkte Nosedive, der jetzt wieder auf der anderen Bank saß und seine Schneekugel immer wieder in die Luft warf und auffing.
"Ja, ich hab's versucht, aber das Wasser ist immer wieder aus der Dusche geronnen", antwortete Wildwing mit leichtem Grinsen. "Duke, was hast du hier so lange getrieben? Du bist ja noch nicht mal halb aus deiner Ausrüstung. Sag nicht, du bist bereits hier eingeschlafen."
"Doch, ist er. War bereits nicht mehr wach zu kriegen, als ich hier oben angekommen bin, also hab ich ihn schlafen lassen."
Duke zog sich rasch um. Er hatte erst jetzt wieder bemerkt, dass er noch immer Teile seiner Hockeyausrüstung trug.
"Eigentlich bin ich hier hoch gekommen, um euch zu fragen, ob ihr übernehmen könnt, wenn der Pizzabote hier eintrifft."
"Pizza?", fragte Dive. "Ich dachte, Tanya wollte zur Abwechslung was kochen." "Ja, und die Küche sieht jetzt aus wie die Werkstatt eines verrückten Bombentesters."
Der graue Erpel hörte kaum zu. Jetzt, da die Zweifel aus seinen Gedanken verschwunden waren, konnte sein Kopf wieder auf Hochtouren arbeiten. Und derzeit dachte er an Schnee.
"Bin gleich wieder da", sagte er, "Ich muss nur Phil schnell etwas fragen." "Ist gut, aber beeil dich", rief Nosedive ihm nach. "Nicht, dass du wieder einschläfst und dein Essen kalt wird."

Nach dem Mittagessen war Nosedive ziemlich schnell verschwunden. Duke wunderte sich zwar, folgte ihm aber nicht gleich, da Phil mit einer guten Nachricht für ihn in den Pond geschneit kam. Sein Plan war fast aufgegangen, nun musste nur noch Dive mitmachen.
Er klopfte an der Zimmertür des Teenagers.
"Ist offen", kam die Antwort von drinnen.
Duke betrat das Zimmer, in dem das typische Chaos herrschte. Der Fußboden war zu einem Hindernisparcour geworden.
"Oh, tut mir Leid. Ich hätte schon vor Wochen mal wieder aufräumen sollen. Warte, ich mach dir zumindest den Weg frei."
Nosedive sprang von seinem Hochbett, sammelte, was er nur tragen konnte, vom Boden auf und versuchte, es in den ohnehin ziemlich vollgestopften Schrank zu quetschen, was zur Folge hatte, dass nun das Zeug unten herausrutschte. Ein Basketball kullerte über Dukes Füße.
"Lass gut sein", meinte der graue Erpel und kickte den Ball zurück. "Bei einem Einbruch ebnet dir auch keiner den Weg. Gut, dass wir hier endlich ein wenig ungestört sein können, denn ..."
"Ich muss mit dir reden." Diesen Satz hatten beide zur gleichen Zeit gesagt. Für einige Sekunden starrten sie sich verdutzt an, dann meinte Duke: "Okay, du zuerst." Der Jüngere seufzte, kletterte auf sein Bett und begann wieder mit der Schneekugel zu spielen. "Ich hab mich gefragt, was du eigentlich für mich empfindest", begann er, ohne Duke anzusehen. "Seit gestern hat es mir keine Ruhe gelassen. Ich schwärme schon seit Langem für dich. Am Anfang dachte ich, es wäre einfach nur Bewunderung, nichts weiter, aber dieses Gefühl wurde mit der Zeit immer stärker. Nur ich hatte keine Ahnung, wie ich es dir sagen sollte, und hatte Angst vor deiner Reaktion. Als du auf meinen Kuss unter dem Mistelzweig eingegangen bist, war ich natürlich überglücklich, aber danach hab ich mir Gedanken darüber gemacht, ob du nicht nur mitgemacht hast, weil ich es so wollte oder ob du es nicht als Anlass nehmen könntest, ein wenig mit mir zu spielen. Ich weiß nicht, wie du normalerweise in einer Beziehung bist, aber ich habe dich mir immer als eine Art Playboy vorgestellt. Und dann dieser Kuss heute... Erst waren einige Zweifel weg, schließlich hast du dich von selbst dazu entschlossen, ganz ohne Mistelzweig. Doch als du weg warst, sind andere wieder stärker geworden. Was, wenn du gestern Blut geleckt hast und jetzt wirklich nur auf ein Abenteuer aus bist?"
Duke hatte bis jetzt mit offenem Schnabel gelauscht, doch jetzt musste er plötzlich lachen. Er verstummte aber schnell wieder, als er Nosedives Blick sah.
"Tut mir Leid, es ist nicht wegen ... oder vielleicht doch in gewissem Sinne. Genau aus demselben Grund konnte ich in der Nacht nicht schlafen und habe mich heute Vormittag benommen wie ein Zombie, genau diese Gedanken habe ich mir auch gemacht, selbst wenn ich nie angenommen hatte, dass du ein Playboy bist, und genau aus diesem Grund wollte ich jetzt mit dir reden." Er zog sich neben dem Kleinen aufs Bett und betrachtete ihn mit leicht amüsiertem Lächeln, denn jetzt war es Dive, der ihn mit offenem Schnabel anstarrte.
"Das ... das heißt also ..."
Weiter kam er nicht, da Duke ihn zu sich zog und ihm einen kurzen sanften Kuss gab. "Ja, sieht ganz danach aus, als würden unsere Gefühle auf Gegenseitigkeit beruhen." Nosedive lehnte seinen Kopf an die Schulter des anderen, schloss die Augen. Langsam ließ der graue Erpel seine Hände über Dives Rücken streichen, genoss einfach nur die Zeit des Schweigens und Zusammenseins. Playboy? Wohl eher gerade weit davon entfernt. Wie kam der Kleine nur auf diesen Gedanken? In der ganzen Zeit, die er Nosedive kannte, hatte er weder Partner noch Affären gehabt.
"Ich frage mich nur, wie ich das Wingster beibringen soll", murmelte Dive plötzlich in seine Schulter.
"Erst einmal gar nicht", meinte Duke. "Es ist schwer genug, sich selbst so etwas einzugestehen. Er wird's verstehen, falls du erst nach Wochen oder Monaten, wenn es schon fast nicht mehr anders geht, damit rausrückst. Sehen wir erst mal, wie sich das Ganze entwickelt."
"Und die anderen werden vielleicht ebenfalls bald etwas merken. Hier im Pond hat man nicht viel Privatsphäre."
Der Ex-Dieb seufzte. "Lass dir einfach Zeit. Wir können nicht jetzt schon mit der Tür ins Haus fallen. Vielleicht ist es sogar besser, wenn sie leichte Vorahnungen bekommen. Vielleicht fällt es uns dann später leichter." Er wollte nicht jetzt über so etwas reden und den Augenblick zerstören. Dann fiel ihm wieder ein, was er Dive eigentlich noch fragen wollte. "Hast du Lust, heute Abend noch einen kleinen Ausflug zu machen? Wohin, kann ich dir noch nicht sagen, lass dich einfach überraschen."
"Klar", Nosedive schien begeistert. "Egal wohin, wenn es sein muss, würde ich mit dir sogar um die komplette Erde reisen."
"So weit ist es nicht, eigentlich bleiben wir sogar in der Stadt."
"Lass es nur nicht zu spät werden. Wenn du nochmal verschlafen zum Training erscheinst, wird Wingster dich umbringen. Oder sich."
"Ich werd's versuchen."

Allzu lange konnten sie nicht beisammen sein, ohne dass es auffällig wurde. Duke begann langsam, Grin zu beneiden. Der war schließlich offiziell Nosedives bester Freund und selbst wenn er sich wochenlang in dessen Zimmer einquartiert hätte, hätte niemand etwas bemerkt.
Immerhin trafen sie sich ein paar Stunden später wieder, als Duke seinen Kleinen abholte.
"Nimm dir etwas Warmes zum Anziehen mit, nur für den Fall", riet er. "Nehmen wir den Migrator?"
"Könnten wir, aber vielleicht braucht ihn noch jemand anderer. Außerdem ist mir gerade so nach Motorradfahren zu Mute."
Sie nahmen nur eines der Motorräder. Nosedive saß hiner Duke, die Arme um seine Hüften geschlungen, allerdings nur leicht.
"Du kannst dich ruhig richtig festhalten", rief Duke über seine Schulter.
"Ich wollte dir nicht unbedingt den Gips so fest in den Bauch drücken."
"Mir hat man schon andere Dinge in den Bauch gerammt. Ein Gipsarm stört mich nun wirklich nicht."
Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten. Sie parkten vor einem Gebäude, das wie eine riesige Halle aussah.
"Gotcha Glacier", las Dive über dem Eingang. "Sagt mir nicht wirklich was."
"Es hat erst vor Kurzem eröffnet. Und für einen Abend gehört es mir. Naja, zumindest der Schlüssel dazu. Ich hab Phil davon erzählt und ihn gefragt, ob er weiß, wie wir außerhalb der Öffnungszeiten hineinkommen können. Als Grund hab ich ihm gesagt, wir wollen nicht von Fans belagert werden. Langsam glaube ich, Phil hat seine guten Beziehungen in der gesamten Stadt verteilt. Zufälligerweise ist einer der Besitzer ein alter Bekannter von ihm, und ich durfte mir den Schlüssel ausleihen."
Inzwischen hatten sie das Gebäude betreten und wanderten durch dunkle Gänge. Der Mond, der durch die Fenster schien, war die einzige schwache Lichtquelle. "Was ist das für ein Ort?", fragte Nosedive, als sie durch etwas gingen, das stark nach Umkleideraum aussah.
Duke öffnete eine größere Tür. "Du wirst es gleich merken."
Die Decke des riesigen Raumes dahinter bestand hauptsächlich aus Glas, daher reichte der Mond als Lichtquelle vollkommen aus. Vor ihnen erstreckte sich ein langer Hügel. Jemand hatte Netze und Stangen aufgestellt und in der Nähe des Eingangs befand sich eine kleine Holzhütte. Staunend sah sich der junge Erpel um und machte einige vorsichtige Schritte in den Raum hinein. Unter seinen Stiefeln knirschte es. Schnee. In dieser Halle lag tatsächlich Schnee. Der ganze Hügel war voll davon. Nosedive drehte sich um und starrte den grauen Erpel an, der lächelnd an der Tür lehnte.
"Du hast mir doch gesagt, dass sich die Menschen zu diesem Weihnachten Geschenke machen. Ich weiß zwar nicht genau, wann Weihnachten ist, aber ich schenke dir Schnee, wenn auch nur für wenige Stunden."
"Das ... das ist ..."
Er rannte zu Duke und umarmte ihn stürmisch - ohne dabei auf seinen Arm zu achten. Duke spürte, wie der Gips gegen seinen Hinterkopf stieß, aber es machte ihm nichts aus. Viel wichtiger war es, seinen Kleinen glücklich zu sehen, der jetzt ein Stück auf den Hügel gerannt war und sich dort im Kreis drehte, bis ihm schwindelig wurde, er das Gleichgewicht verlor und in den Schnee fiel.
Der graue Erpel stapfte zu ihm, reichte ihm die Hand und half ihm wieder auf die Beine. Einige Zeit lang musste sich Nosedive an ihm festklammern, weil sich der Boden unter seinen Füßen noch immer zu bewegen schien.
"Wow ... ich weiß gar nicht, wie ich dir für all das danken soll."
"Hm, vielleicht hast du das ja schon getan. Ich hab dich dafür bekommen."
Nosedive lächelte. "Wäre ich nicht bereits in dich verliebt, dann wäre ich es spätestens jetzt nach deinem Geschenk gewesen."
"Tja, aus irgendeinem seltsamen Grund scheine ich dich auch zu mögen. Ich weiß nur nicht genau warum."
Der Jüngere verschränkte die Arme und fragte mit gespieltem Schmollen: "Och, und was soll das heißen?"
Duke schenkte ihm nur ein breites Grinsen. Bevor er sich's versah, lag er rücklings im weichen Schnee.
"Na warte, das verlangt nach Rache."
Nosedive stand über ihm und schüttelte sich vor Lachen, wurde aber durch eine Handvoll Schnee, die in seinem Gesicht landete zum Schweigen gebracht. Der Teenager schüttelte den Schnee aus seinen Haaren, duckte sich unter einem zweiten Schneeball hindurch und Griff nun ebenfalls nach Munition für seine Gegenattacke. Er schoss und traf den anderen gegen die Brust. Ein zweiter Schuss traf Duke ins Gesicht, und noch bevor er die Augen wieder geöffnet hatte, wurde er zum zweiten Mal zurück in den Schnee gestoßen, doch diesmal wurde er von einem warmen Körper unten gehalten. Nosedive kuschelte sich an ihn. "Der Schnee ist kalt", murmelte er. "Man gewöhnt sich daran. Oder man kann sich auch gegenseitig wärmen", sagte Duke und legte seine Arme um ihn.
Durch das Glasdach hatte man eine perfekte Sicht auf den Mond und die Sterne. Duke wusste, dass es bereits spät war und Wildwing am nächsten Morgen gar nicht begeistert sein würde, aber derzeit war es ihm egal. Er genoss einfach nur diesen Moment, in dem sie einander in den Armen liegen konnten, ohne ein Wort zu sagen. Diese Nacht hätte nicht perfekter sein können.


Kommentar zum Schluss: Das Gotcha Glacier hätte es wirklich in Anaheim gegeben, wären ihnen nicht während dem Bauen die Geldmittel ausgegangen. Fertiggestellt existiert es also leider nur in dieser Fanfic.

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