Von Enten und Menschen

Puppy Booster rannte über den Hauptplatz des Einkaufszentrums. Sie war spät dran, aber es war definitiv nicht ihre Schuld. Die U-Bahn war ihr vor der Nase davongefahren, und die drei Minuten, die sie auf die nächste hatte warten müssen, machten genau den Unterschied aus zwischen Rennen und Rennen, als wäre der Teufel hinter ihr her.
Einen Augenblick überlegte sie sogar, ob sie den Weg abkürzen könnte, wenn sie einfach mitten durch den Springbrunnen rannte. Aber im Wasser kam man ja für gewöhnlich doch langsamer vorwärts als auf festem Boden, also verwarf sie den Gedanken wieder.
Eine Mutter schob ihren Kinderwagen langsam über den Hauptplatz, sie war aber schon so weit, dass sie Puppys Weg zwangsläufig kreuzte. Puppy überlegte. Sollte sie links an ihr vorbei oder doch lieber rechts. Sie entschied sich für rechts, machte einen Satz zur Seite, um Mutter und Kinderwagen auszuweichen, und das Nächste, was sie wusste, war, dass sie irgendwo gegengeprallt und unsanft auf dem Boden gelandet war.
„Aua“, jammerte sie und rieb sich mit zusammen gekniffenen Augen ihre Rückseite.
„Oh, entschuldige, hast du dir weh getan?“, sagte da eine Stimme, die sie von irgendwo her zu kennen glaubte, und jemand streckte ihr eine Hand entgegen, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Puppy öffnete die Augen und stutzte. Eine weiße Hand? War es nicht etwas zu warm für Handschuhe? Dann wanderte ihr Blick etwas höher. Sie schnappte kurz nach Luft, als sie erkannte, dass der Teamcaptain der Mighty Ducks vor ihr stand. Das erklärte das mit der weißen Hand natürlich. Immerhin war er eine Ente und hatte weiße Federn.
Puppy hatte ihn schon ein paar Mal im Fernsehen gesehen, meistens in den Sportnachrichten, manchmal auch in den Lokalnachrichten. Deshalb war ihr auch seine Stimme so bekannt vorgekommen.
Aber es war natürlich wieder etwas ganz Anderes, wenn man tatsächlich vor einer humanoiden Ente stand oder in ihrem Fall auf dem Boden kauerte.
Sie musterte ihn genauer. Er trugt natürlich nicht seine Hockey-Ausrüstung, sondern Freizeitkleidung, und auch die Maske, die sie im Fernsehen so oft gesehen hatte, hatte er nicht auf.
Wildwing runzelte die Stirn. „Ist alles in Ordnung?“
Erst da fiel Puppy auf, dass sie sich noch keinen Millimeter bewegt hatte und ihn immer noch anstarrte.
„Ach, ja, ähm, natürlich.“ Sie ergriff seine Hand und ließ sich hoch helfen. „Alles bestens.“
Wildwing musterte sie eindringlich. „Ganz bestimmt?“
„Ganz bestimmt“, versicherte Puppy.
„Entschuldige bitte, dass du meinetwegen gestürzt bist“, sagte Wildwing.
„Aber ich bin doch in dich reingerannt! Ich muss mich entschuldigen.“
„Aber nein, mir ist ja nichts passiert, du bist auf dem Boden gelandet und hast vielleicht ein paar blaue Flecken abbekommen.“
„Aber ich hätte doch besser aufpassen können, wo ich lang laufe.“
„Und ich hätte besser aufpassen können, als ich den Laden verlassen habe.“
„Aber ich…“
„Nein, ich…“
Die beiden sahen sich einen Moment an und lachten dann los.
Es dauerte ein wenig, bis sie sich beruhigt hatten.
„Okay, da ich ja finde, man sollte zumindest wissen, wer einen so unsanft zu Boden befördert hat: Ich bin Wildwing.“ Der weiße Erpel streckte Puppy seine Hand hin.
Puppy ergriff diese. „Ich weiß.“
Wildwing sah sie auffordernd an.
Puppy überlegte einen Moment. Was wollte er von ihr? Doch dann fiel ihr ein, dass sie sich gar nicht vorgestellt hatte.
„Ach so, ja, ich bin Puppy“, sagte sie daher schnell.
Wildwing lächelte. „Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Puppy.“
„Gleichfalls“, erwiderte Puppy und ergänzte dann noch etwas zögerlich: „Wildwing.“
Der Erpel ließ ihre Hand los. „Also, Puppy“, sagte er dann, „ich möchte dich gerne für den Sturz entschädigen.“
„Aber nein, es war meine Schuld!“
Wildwing hob abwehrend die Hände. „Damit fangen wir erst gar nicht wieder an.“ Er überlegte einen Moment. „Wenn du morgen Abend nichts vorhast, würde ich dich gerne zu unserem Spiel einladen, zwei Plätze in der VIP-Lounge. Was meinst du?“
„Nein“, sagte Puppy. Wildwings Stirn legte sich wieder in Falten, und er sah fast etwas enttäuscht aus, aber Puppy war sich sicher, dass sie sich das nur einbildete. „Ich meine, nein, ich habe nichts vor“, verbesserte sie sich rasch. „Ich komme gerne!“
Wildwing lächelte wieder. „Gut, dann sag am Eingang einfach deinen Namen und frag nach Phil Palmfeather. Das ist unser Manager. Er bringt dich dann in die VIP-Lounge.“
„Okay, dann bis morgen Abend! Ich muss jetzt aber echt los.“
„Bis morgen!“
Puppy winkte Wildwing noch rasch zu und flitzte dann los. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass Hunter sie umbringen würde.
Puppy war gerade weg, als Nosedive ebenfalls aus dem Laden trat und sich zu seinem Bruder gesellte. „Was war denn hier los?“, fragte er.
„Ach, die Kleine ist in mich reingerannt, und als Entschädigung hab ich sie zu unserem Spiel morgen eingeladen“, antworte der ältere Flashblade.
Nosedive kratzte sich am Kopf. „Ist sie nicht in dich reingerannt?“
„Nicht du auch noch, Dive!“, seufzte Wildwing.
„Na, okay, dann ich nicht auch noch“, erwiderte dieser. „Aber das machst du doch sonst nicht. Gefällt sie dir vielleicht?“ Er grinste und boxte seinem Bruder gegen den Oberarm.
„Sie sah sehr nett aus“, war alles, was Wildwing antwortete.
„Wusste gar nicht, dass du dich für Menschen interessierst.“
„Wusste gar nicht, dass du so neugierig bist. Und jetzt komm, wir haben Training.“ Und schon ging Wildwing in Richtung Eisstadion los.
Nosedive folgte ihm rasch, nicht aber ohne „Wildwing steht auf Menschen!“ vor sich hin zu singen. Der weiße Erpel seufzte. Das konnte ja noch heiter werden.

Völlig außer Atem erreichte Puppy das kleine Café, in dem Hunter und sie sich schon vor zwanzig Minuten hätten treffen sollen. Sie entdeckte ihren besten Freund auch sofort an einem der Tische sitzend. Rasch eilte sie zu ihm.
„Hunter, es tut mir Leid“, sagte sie anstatt einer Begrüßung, „aber du glaubst nicht, was mir eben passiert ist!“ Und dann erzählte sie rasch das Vorgefallene, ohne allerdings wirklich Luft zu holen. Erst am Ende ihrer Erzählung schnappte sie japsend nach Luft.
„Du machst Witze“, sagte Hunter und sah sie forschend.
Puppy schüttelte energisch den Kopf. „Nein, und spätestens morgen wirst du sehen, dass es wirklich passiert ist. Du gehst nämlich mit mir zu dem Spiel.“
„Wirklich?“
„Wirklich.“
„Ein Spiel der Ducks in der VIP-Lounge! Das ist genial!“, jubelte Hunter.
Puppy schmunzelte. Hatte sie doch gewusst, dass sie ihn mit seiner Leidenschaft für Eishockey würde fangen können.
„Und wie ist er so, dieser Wildwing?“, fragte Hunter dann.
„Oh, er ist total nett und zuvorkommend und witzig.“ Puppy lächelte.
„Puppy“, holte Hunter sie in die Realität zurück.
„Ja?“
„Ich kenne diesen Blick“, erwiderte ihr bester Freund. „Er hat es dir offensichtlich angetan. Du guckst genauso wie damals bei Joseph, deinem Schwarm in der dritten Klasse.“
„Gar nicht wahr“, gab Puppy trotzig zurück.
„Wohl war!“, sagte Hunter. „Ich kenn dich doch! Aber ernsthaft, Puppy, Enten und Menschen, glaubst du wirklich, das funktioniert?“
Puppy zog eine Schnute. „Musst du immer gleich so negativ sein? Können wir nicht einfach morgen zu dem Spiel gehen und uns amüsieren?“
„Okay, tun wir das“, erwiderte Hunter, auch wenn sich ein kleines Seufzen in seine Worte mischte.

Gesagt, getan. Am nächsten Abend fanden sich die beiden auch tatsächlich in der VIP-Lounge wieder. Puppy hatte eigentlich etwas Angst gehabt, dass Wildwing sie vergessen haben könnte, aber am Eingang hatte alles wunderbar geklappt. Dieser Phil hatte sie abgeholt und in die VIP-Lounge geführt. Und nun saßen sie da und sahen sich das Spiel der Ducks an.
Puppy war ganz aufgeregt. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Blick immer wieder zum Torwart der Ducks wanderte. Gott-sei-Dank war Hunter so von dem tollen Spiel der Ducks vereinnahmt, dass er davon nichts mitbekam. Puppy schmunzelte in sich hinein. Es war wirklich gut, dass er so ein Eishockey-Fan war. Und es trug ungemein zu seiner positiven Stimmung bei, dass letzten Endes ein Sieg der Ducks zu bejubeln war.
Nach dem Match bat Phil sie, noch kurz zu warten. Er erledigte ein paar Telefonate und führte die beiden dann zur Umkleidekabine. Wildwing stand vor der Umkleidekabine. Er trug wieder seine Freizeitkleidung, und die Maske hatte er auch diesmal wieder nicht auf. Er lächelte Puppy zu, als sie näher kam. Die junge Menschenfrau blieb bei ihm stehen. Immerhin musste sie sich noch anständig bedanken. Ja, es lag definitiv nur daran, dass sie sich anständig bedanken wollte. Keine Hintergedanken oder so. Bestimmt nicht.
Hunter schüttelte Wildwing einfach die Hand. „Tolles Spiel, Mann“, sagte er anerkennend. „Ich bin Hunter, Puppys bester Freund.“ Und schon ging er weiter zur Umkleidekabine. Immerhin hatte Phil erklärt, dass es Teil ihrer Einladung war, dass sie nach dem Spiel noch mit den Spielern plaudern durften.
Die Tür schwang auf, und Puppy konnte sehen, wie Nosedive den Hals reckte.
„Ist sie das?“, fragte er. „Ist das Wildwings kleine Menschenfreundin? Hübsches Ding.“
„Nosedive, halt den Schnabel!“, zischte da auch schon Mallory, und dann sagte sie freundlich zu Hunter. „Hallo, ich bin Mallory. Wie hat dir das Spiel gefallen?“
Die Antwort konnte Puppy allerdings nicht mehr hören, da die Tür sich schon wieder geschlossen hatte.
„Und? Wie hat dir das Spiel gefallen?“, fragte Wildwing da.
„Es war toll“, antwortete Puppy. „Gratuliere zum Sieg!“
„Danke.“ Der weiße Erpel lächelte.
„Und ich muss mich wirklich bei dir bedanken. Es war unglaublich in der VIP-Lounge. Ich schulde dir was!“
„Nein, tust du nicht.“
„Doch, das tu ich.“ Puppy überlegte. „Darf ich…ähm…darf ich dich morgen Abend vielleicht zum Essen einladen? Ich meine, bei meinen Finanzen reicht es wohl nur für McDonald’s, wenn das okay ist.“ Sie kratzte sich verlegen am Kopf. Sie hätte ihn wohl doch eher auf einen Kaffee einladen sollen. McDonald’s war sicher nichts für einen Spitzensportler wie ihn. Wieso hatte sie nicht vorher nachgedacht?
„McDonald’s ist mehr als okay“, antwortete Wildwing. „Sagen wir so um sieben vor dem Stadion? Wir könnten dann zu Fuß hingehen.“
Puppy sah ihn etwas überrascht an. „Ja, das passt super. Dann machen wir das so!“
Eine Weile sahen sich die beiden einfach nur an. Als Puppy das bewusst wurde, wandte sie rasch den Blick ab. „Ich sollte dann mal besser zu Hunter. Nicht, dass er deine Teamkollegen vor lauter Fangehabe schon ganz furchtbar nervt.“
„Ach, die wissen sich schon zu helfen“, lachte Wildwing. „Aber du hast Recht. Wir sollten wieder zu den Anderen.“
Sein Blick ging rasch zur Tür, die immer noch geschlossen war, und dann, ehe Puppy noch recht mitbekam, was los war, hatte Wildwing sich zu ihr gebeugt und ihr rasch einen Kuss auf die Wange gegeben. Irgendwie fühlte sich so ein Entenschnabel ganz anders an, als sie erwartet hatte. Sie hatte mehr an die Schnäbel von ganz normalen Enten gedacht, die hart waren und kalt, aber Wildwings Schnabel war weich und warm, fast schon wie Menschenlippen, wenn auch ein wenig fester. Es war ein gutes Gefühl, und sie konnte nicht verhindern, dass sie rot wurde.
Wildwing war schon ein paar Schritte vorausgegangen, als er merkte, dass Puppy ihm nicht folgte. Er wandte sich um und sah, dass sie immer noch ein bisschen verdattert, aber lächelnd da stand. Er lächelte ebenfalls. „Puppy, kommst du?“
Die junge Frau zuckte kurz zusammen, sah sich dann verwirrt um, als wäre sie eben aufgewacht, und eilte schließlich zu Wildwing.
Enten und Menschen – vielleicht passte das doch ganz gut zusammen, dachte Puppy, als sie gemeinsam mit Wildwing die Umkleidekabine betrat.

Ende

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