Tränen werden nicht zu Eis

So, hier stand sie also, bereit, die gegnerische Mannschaft in Grund und Boden zu spielen. Sie würde es ihnen schon zeigen! Ja, okay, sie hatte noch nie ein richtiges Match gespielt, und sie war auch nie durch eine besondere Begabung aufgefallen, aber immerhin war sie die Enkelin des Clanoberhaupts. Sie hatte es bestimmt im Blut! Es musste nur irgendwie hervorgeholt werden. Und was eignete sich dafür besser als ein richtiges Spiel, noch dazu eines, bei dem ihr Großvater zusah? Es würde schon alles gut gehen. Da war sie sich sicher.
Unter dem Jubel der Zuschauer trat die 11jährige Luna Valentin an die Eisfläche, als ihr Name aufgerufen wurde. Sie winkte in die Menge, entdeckte auch sofort ihren Großvater, der mit stoischer Ruhe auf einem Ehrenplatz neben dem Direktor in den Zuschauerrängen saß. Als sein Blick aber auf sie fiel, schlich sich ein Lächeln in sein Gesicht, das Luna schüchtern erwiderte.
Dann betrat sie das Eis. Fast rutschte ihr der eine Fuß weg, aber sie konnte sich gerade noch fangen. Es lag bestimmt an der Nervosität, dass sie so wackelig auf den Beinen war. Immerhin war ihr Großvater hier! Auch in der Umkleidekabine hatten ihre Klassenkameraden von nichts anderem gesprochen. Da konnte man als Enkelin einfach nicht ruhig bleiben. Das war bestimmt ganz normal. Immerhin erreichte sie heil ihre Mitspieler, die bereits aufgerufen worden waren. Sie atmete unbewusst erleichtert auf, als sie stehen bleiben konnte, ohne zu stürzen. Es wurden noch zwei weitere Spieler vorgestellt, dann mussten sie auch schon ihre Positionen einnehmen. Auch das konnte Luna gerade so meistern, schob es aber wieder auf die Nervosität.
Und schon wurde das Spiel angepfiffen. Luna wollte sich sofort ins Geschehen stürzen, aber irgendwie wollte das nicht so ganz klappen. Ihre Füße gehorchten ihr nicht so wirklich, solange Kufen daran geschnallt waren, wie sie feststellte. Sie fiel fast hin und konnte sich gerade noch abfangen, indem sie sich auf ihren Schläger stützte. Sie schnappte hörbar nach Luft. Hätte das nicht ganz anders laufen sollen?
„Aus dem Weg, Luna!“, rief da plötzlich einer ihrer Mitspieler, der sich den Puck erkämpft hatte und auf Luna zuschoss. Verzweifelt versuchte sie, auszuweichen, was ihr aber nicht gelang. Der andere Spieler krachte gegen sie, setzte seinen Weg aber ohne große Schwierigkeiten fort, nur Luna wurde von der Wucht zur Seite gestoßen und knallte mit dem Rücken gegen die Bande. Aber so hatte sie wenigstens nicht stürzen können.
„Komm schon, Luna!“, dachte sie. „Du kannst das! Du kannst das bestimmt!“
Sie versuchte wieder, sich in das Spiel einzumischen, doch diesmal wurde sie von einem Gegner geblockt und abermals gegen die Bande geschleudert.
Die junge Ente spürte, wie ihr Tränen in die Augen traten, aber entschlossen blinzelte sie sie weg. Sie würde das schon irgendwie hinkriegen!
Wieder unternahm sie einen Versuch, lief auf den gegnerischen Spieler, der gerade den Puck hatte, zu, doch auf dem Weg dahin, stolperte sie wieder, doch wie durch ein Wunder konnte sie sich auf den Beinen halten, indem sie mit dem Schläger Halt suchte. Und nicht nur das! Unbewusst schaffte sie es sogar, ihrem Gegner den Puck abzunehmen. Sie grinste, als sie das bemerkte, wollte sich gerade den Weg zum gegnerischen Tor bahnen, doch ein Gegner rempelte sie. Wieder musste sie kämpfen, um nicht hinzufallen, und schlug mit ihrem Schläger um sich, doch es war vergebene Liebesmüh. Sie fiel der Länge nach auf die Eisfläche, erwischte aber in ihrem Versuch, doch noch Halt zu finden, den Puck und schoss ihn mit einer Wucht von sich, um die sie wohl so mancher Spieler beneidet hätte. Allerdings war das Ziel des Pucks nicht das Tor des Gegners, sondern das Tor ihrer Mannschaft. Der Tormann, der beste übrigens, den sie an der gesamten Schule hatten, war von Lunas Sturz beziehungsweise Abfangversuchen immer noch so perplex, dass er den auf sich zurasenden Puck viel zu spät bemerkte und ihn nicht mehr abwehren konnte. Nur Sekundenbruchteile später lag der Puck auch schon im Netz.
Mit offenem Schnabel starrte der Tormann zu Luna, die sich gerade aufrappelte und verwundert umsah. Was war denn los? Wieso spielte niemand weiter? Doch dann begriff sie, was geschehen war.
Verunsichert sah sie zu ihrem Großvater, doch dieser hatte seine Hand über die Augen gelegt, konnte wohl nicht mitansehen, was seine Enkelin hier tat. Luna spürte einen Stich im Herzen und senkte den Blick. Wieder spürte sie Tränen in ihren Augen aufsteigen, aber nein, hier vor allen anderen würde sie nicht weinen. Sie hörte wie der Trainer ihren Namen rief. Das war’s dann wohl gewesen. Sie wurde ausgewechselt.
Mit hängendem Kopf, immer noch recht wackelig auf den Beinen, aber wenigstens, ohne zu stürzen, erreichte sie den Rand der Eisfläche und trat nach draußen. Ohne ein weiteres Wort machte sie sich auf den Weg in die Umkleidekabine.
Dort angekommen schleuderte sie als Erstes ihren Schläger in die Ecke und kickte dann ihre Schlittschuhe von den Füßen. Dann kauerte sie sich auf den Boden, verbarg das Gesicht in ihren Händen und ließ den Tränen endlich freien Lauf.
Wie hatte sie ihren Großvater nur so enttäuschen können? Und wieso konnte sie einfach nicht Eishockey spielen? Das war doch nicht normal! Sie war nicht normal! Das hatte sie deutlich gesehen, an der Reaktion ihres Großvaters, in den Gesichtern ihrer Klassenkameraden.
Und so rannen noch mehr Tränen ihre Wangen hinab. Sie konnte einfach nicht aufhören zu weinen. Warum konnten Tränen nicht einfach zu Eis werden? Dann wäre sie bald in einen Eisblock eingeschlossen, in ihrer eigenen kleinen Eiswelt, abgeschnitten von all dem da draußen, und könnte weinen, so viel sie wollte, ohne Angst haben zu müssen, dass sie jemand finden könnte.
Aber egal, wie viel sie weinte, sie war immer noch in der Umkleidekabine, und kein Eis baute sich schützend auf. Jeden Augenblick konnte irgendjemand auftauchen und sie hier finden. Und sie wollte einfach niemanden sehen. Nicht jetzt, nicht so.
Also rappelte sie sich auf, zog sich rasch um und schlich sich dann einfach davon. Sie eilte sofort nach Hause, wo sie sich in ihrem Zimmer einschloss.

Am nächsten Morgen stand sie vor dem Zimmer ihres Großvaters. Er hatte nach ihr geschickt. Sie war verunsichert, ob sie hineingehen sollte. Was würde er ihr sagen? Dass er enttäuscht von ihr war? Dass er nicht verstehen konnte, wie jemand wie sie seine Enkeltochter sein konnte?
Mit einem Seufzen trat sie dann dennoch ins Zimmer. Rico saß in einem Lehnstuhl am Fenster und winkte sie sogleich zu sich. „Luna, komm her.“
Die junge Ente trat etwas eingeschüchtert näher. Rico verzog keine Miene, daher wusste sie nicht, was gleich geschehen würde. Würde er sie ausschimpfen?
Doch als sie ihn erreicht hatte, packte sie der Erpel einfach unter den Armen und setzte sie auf seinen Schoß. Luna sah ihn überrascht an. War sie nicht schon viel zu groß für so etwas?
„Luna, ich wollte dir nur sagen, dass ich stolz auf dich bin“, sagte Rico.
Luna blinzelte ein paar Mal. „Du bist… stolz auf mich?“, fragte sie verwundert. „Aber ich habe doch so schlecht gespielt!“
„Aber du hast es versucht, du hast gekämpft“, erklärte Rico. „Du hast nicht aufgegeben! Und deswegen bin ich stolz auf dich.“ Er lächelte sie an und strich ihr sanft über die Wange. „Das hast du definitiv von deinem Großvater geerbt.“
Luna blinzelte wieder ein paar Mal, ehe sie wirklich begriff, was er eben gesagt hatte. Dann fiel sie ihm einfach um den Hals. „Danke!“
Rico erwiderte die Umarmung, und diesmal war er es, der nicht verhindern konnte, dass ein paar Tränen sich ihren Weg seine Wangen hinunter bahnten. Und als Luna diese Tränen auf ihrer Schulter spürte, war sie froh, dass Tränen nicht zu Eis wurden.

Ende

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