Wildwing

Es fällt mir schwer, darüber nachzudenken, was vor der Invasion geschehen ist, denn damals war mein Leben völlig anders und ich ein ganz anderer Erpel. Aber ich will mein Bestes versuchen.
Aufgewachsen bin ich in einer kleinen Vorstadt. Wie ihr höchstwahrscheinlich wisst, habe ich noch einen jüngeren Bruder, Nosedive.
Unsere Eltern waren, soweit ich das beurteilen kann, ein glückliches Ehepaar. Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater Bankangestellter. Und wir hatten ein sehr schönes Leben. Vorstadt eben. Wir hatten sogar einen weißen Gartenzaun. Vater und Mutter waren immer sehr herzlich und nicht allzu streng. Bei mir war das auch gar nicht wirklich nötig, streng zu sein. Nosedive war derjenige, der vielleicht manchmal etwas mehr Strenge ganz gut hätte vertragen können. Er war ein richtiges Lauseküken. Ich weiß noch, wie oft er mir Streiche gespielt hat, aber ich hab das immer stoisch hingenommen, weil ich mir dachte, so könnte ich ihn am Ehesten wieder davon abbringen, und es hat bestens funktioniert. Okay, es hat für mich bestens funktioniert, weil Nosedive dann dazu übergegangen ist, anderen Streiche zu spielen. Das macht er heute noch, was vor allem Mallory zu spüren bekommt. Ich versuche, da hart durchzugreifen, weil ich ja jetzt für ihn verantwortlich bin, aber das ist nicht immer einfach. Ich kann sogar verstehen, warum meine Eltern ihm so viel haben durchgehen lassen. Er hat einfach eine Art, dass man ihm nie lange böse sein kann.
Ich glaube, zu unseren Eltern kann man nicht viel sagen. Sie waren - wie gesagt - ein typisches Vorstadtehepaar, schon fast mustergültig. Ich denke, sie hätten sich auch gut auf dem Cover einer Immobilienzeitschrift mit Werbung für ein Haus in der Vorstadt gemacht. Ich kann mich beispielsweise gar nicht daran erinnern, dass sie einmal vor mir und Dive gestritten hätten. Aber das mag auch einer ihrer Grundsätze gewesen sein: Vor den Kindern wird nicht gestritten.
Woran ich mich jedoch gut erinnern kann, ist, dass Vater am Sonntag immer das Frühstück für die ganze Familie gemacht hat. Okay, Frühstück ist untertrieben, das war ein regelrechtes Frühstücksbuffet. Und wir haben sonntags immer gemeinsam gefrühstückt. Das war Pflicht. Ich weiß noch, dass ich mich in meiner Teenagerzeit immer schwer damit getan habe, sonntags rechtzeitig aus den Federn zu kommen, vor allem, wenn ich die Nacht zuvor bis drei Uhr morgens mit Canard irgendwelche Videospiele gespielt hatte. Aber irgendwie ging es immer. Ich stand auf, frühstückte mit meiner Familie und legte mich wieder schlafen. Das hat eigentlich immer gut funktioniert. Und da ich nie so wirklich ein Morgenerpel gewesen bin, fiel auch nicht besonders auf, dass ich wenig redete. Das Reden hat ohnehin meistens Dive übernommen. Und das sogar, wenn er die halbe Nacht Comics gelesen hat. Ich weiß, dass er so lange auf war, weil ich oft, wenn ich von Canard heimgekommen bin, noch Licht in Dives Zimmer gesehen habe. Aber morgens war meinem Bruder nie Müdigkeit anzumerken. Er legte sich auch nach dem Frühstück nie schlafen, sondern sah fern oder las weiter Comics. Wie er das immer geschafft hat, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Aber da das bedeutete, dass ich nicht viel reden musste, bin ich ganz froh darüber.
Ich habe von meiner Teenagerzeit gesprochen, also werde ich da weitererzählen. Obwohl ich vorher doch noch etwas Anderes erzählen muss, nämlich, wie Canard und ich Freunde wurden. Als meine Familie in das neue Haus in der Vorstadt zog, ging ich eines Tages los, um die Gegend zu erkunden, und da lehnte ein junger Erpel etwa in meinem Alter an einem Gartenzaun. Als ich mich näherte, wandte sich sein Blick mir zu, er musterte mich einen Moment, und dann sagte er einfach: "Lust, Eishockey zu spielen?"
"Klar", antwortete ich.
Und das war der Beginn unserer Freundschaft. Von da an verbrachten Canard und ich immer unsere Freizeit zusammen, machten sogar gemeinsam unsere Hausaufgaben.
Was auch ganz praktisch war: Canard hatte eine jüngere Schwester. Und wenn wir mal auf unsere Geschwister aufpassen mussten, parkten wir die beiden in der Sandkiste, wo sie ganz brav miteinander spielten, während Canard und ich dann in Ruhe trainieren oder Videospiele spielen konnten. Das hat super geklappt. Und so wurden Chrissie und Dive auch ganz tolle Freunde. Und als sie dann alt genug waren, dass wir sie beispielsweise ins Kino oder zu Eishockey-Spielen mitnehmen konnten, taten wir das auch regelmäßig. Wir vier waren oft zusammen, ein richtiges Kleeblatt, könnte man sagen.
Daran hat sich auch nichts geändert, als Canard dann eine Freundin hatte. Ganz ehrlich, bei den Mädels war er immer sehr beliebt, also war das kein Wunder. Die Beziehung hielt sogar ein paar Monate, auch wenn seine Freundin dauernd rumgejammert hat, dass er zu viel Zeit „mit diesem Wildwing, dessen komischem Bruder und seiner kleinen Schwester" verbrachte. Ich glaube, das war dann der Anfang vom Ende, denn über mich als seinen besten Freund, meinen kleinen Bruder und Chrissie ließ Canard nie etwas kommen.
Ich hatte nie was gegen Canards Freundin, aber da Canard doch manchmal gemeint hat, sie wäre zu fordernd, wusste ich, dass es zwischen den beiden einfach nicht passte. Deswegen war es für mich keine Überraschung, als Canard dann wieder Single war.
Ich selber hatte nie eine Freundin. Keine Ahnung, wieso, ich hätte sogar Angebote gehabt, aber irgendwie dachte ich, wenn meine große Liebe vor mir steht, dann würde ich es einfach spüren. Und damals habe ich nie etwas gespürt, was mich überzeugt hätte. Also habe ich es lieber gleich gelassen.
Ich habe absichtlich von "damals" gesprochen, denn nun glaube ich, weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn man seine große Liebe trifft. Das Schlimme ist nur, dass ich es für mich behalten muss. Würde ich es ihr sagen, würde es unter Umständen unseren Einsatz hier auf der Erde und unsere Freundschaft gefährden. Und das will ich lieber nicht riskieren.
Aber nun zurück zur eigentlichen Geschichte. Ich glaube, ich schweife ab, weil jetzt der Teil mit dem Wendepunkt kommt. Vielleicht wollte ich mich davor drücken, aber nein, das geht nicht, da muss ich durch.
Der Wendepunkt war - wie im Leben aller Bewohner Puckworlds - der Angriff der Saurier. Als sie angriffen, waren Dive und ich gerade auf dem Eisplatz unseres Städtchens und trainierten. Wir versuchten zu fliehen, wurden aber recht schnell von ein paar Hunterdrones gefangen genommen. So wurden wir auch von unseren Eltern getrennt. Ich wusste lange nicht, was mit ihnen passiert war. Aber ich hatte auch nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn zuerst einmal musste ich mich um Dive kümmern. Ich half ihm bei seinen Arbeiten, denn er war nun mal noch ein Teenager und hatte nicht die Kraft eines erwachsenen Erpels. Und wenn die Aufseher-Hunterdrones einmal nicht genau hinsahen, erledigte ich das eine oder andere für ihn. Ich gab ihm auch oft etwas von meiner Essensration ab. Immerhin war er ja noch ein halbes Küken.
Als Canard uns dann aufgabelte, war es für mich selbstverständlich, dass ich nicht ohne Nosedive gehen würde. Um nichts auf Puckworld hätte ich ihn zurückgelassen.
In der Zeit, in der Canard dabei war, sein Team zusammenzustellen, nahm er mich in einer ruhigen Minute zur Seite. Dive war gerade damit beschäftigt, das Lager, in dem Canard uns untergebracht hatte, zu erkunden. Canard erklärte mir, dass er nach dem Angriff in unser Städtchen zurückgekehrt war, aber unsere ganze Straße zerstört vorgefunden habe. Er habe dann nach seinen Eltern gesucht, sie in einem Arbeiterlager der Saurier gefunden und befreit. Auch nach Dives und meinen Eltern habe er bei der Gelegenheit gesucht. Er stockte in diesem Moment, und ich konnte mir schon gut ausmalen, was er sagen musste.
"Wildwing, es tut mir Leid", waren seine exakten Worte. "Bei der Flucht hat niemand eure Eltern gesehen. Meine Mutter hat gesagt, sie wusste, dass sie vor dem Angriff zu Hause waren, aber niemand hat sie das Haus verlassen sehen, ehe dieses von den Hunterdrones zerstört wurde." Er legte eine Hand auf meine Schulter. "Tut mir Leid, mein Freund."
Mir zog es regelrecht den Boden unter den Füßen weg. Aber ich war in diesem Moment noch geistesgegenwärtig genug, Canard darum zu bitten, das vor Nosedive geheim zu halten. Mein kleiner Bruder musste schon genug durchmachen. Er sollte jetzt nicht auch noch vom Tod seiner Eltern erfahren.
Ich habe dieses Geheimnis all die Zeit für mich behalten. Ich wollte es Dive sagen, sobald er bereit dafür war. Doch dann stieß Andrea zu unserer Truppe, und ich erfuhr von ihr, dass unsere Eltern gar nicht tot waren. Sie hatten es vor dem Angriff zwar nicht aus dem Haus, aber in den Keller geschafft. Das Haus ist zwar zerstört worden, der Keller jedoch blieb unversehrt, und wie durch ein Wunder versperrten die Trümmer des Hauses nicht völlig den Weg ins Freie, sodass unsere Eltern sich einen Weg nach draußen bahnen konnte, als die Hunterdrones weitergezogen waren. So zumindest hatten sie es in einer Fernsehshow berichtet, in der es um den Angriff, die Verschollenen Helden Puckworlds (ja, das sind wir) und deren Familien ging. Ich konnte es gar nicht fassen und bat Andrea, mir die Enten, die angeblich unsere Eltern waren, genau zu beschreiben. Und wirklich! Der Beschreibung nach waren sie es. Ich war außer mir vor Freude. Nosedive konnte das gar nicht verstehen. Wie auch? Er hat nie erfahren, dass unsere Eltern eigentlich als tot gegolten hatten. Für ihn waren sie die ganze Zeit über am Leben gewesen, für mich aber war es nun so als wären sie wieder auferstanden. Mir fiel eine riesige Last von den Schultern. Die Trauer um meine Eltern war wie weggeblasen und auch die ständige Sorge, dass Nosedive doch irgendwie von ihrem Tod erfahren würde, und die Überlegungen, wie ich es ihm eines Tages am besten beibringen würde. All das einfach weg. Die dunklen Gedanken von so langer Zeit, verschwunden in ein paar Minuten. Kein Wunder, dass ich völlig euphorisch war.
Aber jetzt schweife ich schon wieder ab, wohl, weil nun wieder etwas Schmerzhaftes zu erzählen ist. Wie Canards Mission verlief, ist ja mittlerweile bekannt, auch, dass ich zuerst nicht recht wusste, was ich in Canards Team eigentlich verloren hatte. Und ich war auch anfangs etwas sauer auf Canard, dass er mir so etwas zumutete, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich die Aufgabe meistern würde. Doch ich habe es geschafft - wenn wir von der Gefangennahme durch Draganus mal absehen. Aber das war streng genommen auch nicht wirklich meine Schuld. Immerhin hätten Canard und die anderen ja direkt hinter mir sein sollen. Aber na ja, Planung und Praxis, ihr wisst schon...
Jedenfalls haben wir trotz aller Widrigkeiten unsere Mission erfüllt. Doch nun kommt, wie schon mehrmals angekündigt, der wirklich schmerzhafte Teil: der Verlust Canards. Ich werde nie vergessen, wie er von diesem elektromagnetischen Wurm nach draußen gezogen wurde, wie ich noch versucht habe, ihn wieder hereinzuziehen und er mir dann die Maske gab, ja regelrecht aufdrängte. Ich wollte die Maske, die Verantwortung, die damit verbunden war, nicht. Ich wollte einfach nur meinen besten Freund retten. Teamcaptain wollte ich niemals sein. Doch ich war es nun, auch wenn ich es zu Anfang nicht wahrhaben wollte. Ich war mir sicher, dass wir Canard bald wiederfinden würden und ich die Maske nur für ihn aufbewahren musste. Aber ich bin dann doch in meine Rolle gewachsen. Ich hatte oft Selbstzweifel, und einmal habe ich meinen Posten sogar aufgegeben, weil ich davon überzeugt gewesen war, Canard hätte einen Fehler gemacht, als er mir die Maske gab. Doch das hat er nicht. Er wusste genau, was er tat. Er kannte mich besser als ich mich selbst. Und ich werde weiterhin mein Bestes als Teamcaptain geben. Ich werde weiterkämpfen - gegen die Saurier, gegen die Anderen, die dieser Welt Böses wollen, gegen meine Selbstzweifel. Das bin ich Canard schuldig.

ENDE

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