Tanya

Also...ähm...ich wurde also gebeten, etwas über mein Leben zu berichten, ähm, erzählen. Ich...ähm...ich versuch's einfach mal.
Geboren...ich meine, geschlüpft bin ich vor...na ja, mein Alter ist jetzt nicht so interessant. Ich bin also geschlüpft. Mein Vater war Wissenschaftler, meine Mutter Ärztin. Lange ist meine Mutter nicht zu Hause geblieben, nachdem ich geboren wurde, mein Vater auch nicht. Sie haben ausgemacht, dass mich mein Vater mit in sein Labor nehmen solle, da ein Krankenhaus nicht der richtige Ort für ein Küken sei. Was an einem Labor so viel kükenfreundlicher ist, weiß...ähm...hab ich nie verstanden.
Ich wuchs also im Labor meines Vaters auf. Meine Wiege stand direkt neben seinem Schreibtisch, und als ich anfing zu laufen, hat er das Labor kükensicher gemacht. Ich hatte meine Spieleecke voll mit pädagogisch wertvollem Spielzeug, und in seinen Pausen spielte mein Vater mit mir. Er erzählte mir allerlei Dinge, und so konnte ich schon mit zwei Jahren in ganzen Sätzen reden.
Und dann beschloss er, mir ein paar Kleinigkeiten beizubringen - Lesen, Schreiben und so. Ich war, was das Können anging, meinen Altersgenossen so weit voraus, dass meine Eltern beschlossen, mich gar nicht erst in die Schule zu schicken, sondern selbst zu unterrichten.
Ich kann nicht sagen, ob meine Eltern herzlich waren. Ich denke schon, dass sie mich auf ihre Art geliebt haben, sie konnten es nur nie so gut zeigen. Dazu waren sie viel zu rational. Aber ja, es gab Momente, in denen sie mich einfach so in den Arm nahmen. Ich liebte das, auch wenn diese Momente sehr rar gesät waren. Aber ich denke, so lernte ich solche Dinge umso mehr schätzen. Aber ich bin mal wieder zu schnell dran. Reden wir noch kurz über meine Zeit als Küken. Also, als Küken wurde ich von den anderen auf dem Spielplatz immer gemieden, weil ich ihnen immer gleich alles Mögliche erklärte und einfach nicht spontan mit ihnen spielen wollte. Oder besser gesagt: konnte. Also, sagen wir so: Sie verstanden mich nicht, und ich verstand sie nicht. Ich hielt mich dann wieder an meinen Vater oder meine Mutter, je nachdem, wer gerade mit mir auf dem Spielplatz war. Mit meinen Eltern konnte ich mich immer unterhalten. Ich war also nicht einsam. Ich wusste nur nicht, mit anderen Küken umzugehen.
Dieses Verhaltensmuster setzte sich fort, auch wenn ich nie viel mit anderen Enten in meinem Alter zu tun hatte. Da ich zu Hause unterrichtet wurde und auch meine Freizeit meistens mit meinen Eltern im Museum oder auf irgendwelchen Wissenschaftsmessen und -kongressen zubrachte, waren einfach nie Enten in meinem Alter verfügbar. Und es störte mich nicht, denn die erwachsenen Enten waren immer total begeistert von mir. Eine Ente in meinem Alter, und die wusste schon so viel! Ich genoss ihre Aufmerksamkeit. Dass ich im Gegenzug einfach die Chance verpasste, Küken zu sein, wusste ich nicht. Ich kann auch heute noch nicht sagen, ob ich etwas verpasst habe. Mir fehlen die Vergleichsmöglichkeiten.
Ich weiß nur, dass ich es auf dem College etwas schwer hatte. Na gut, sehr schwer. Ich war das, was man heute gemeinhin einen Nerd nennt. Und das in Reinkultur. Ich verließ mein Zimmer eigentlich nur, um etwas zu essen zu besorgen, in die Bibliothek zu gehen und meine Vorlesungen zu besuchen. Ich konnte mit den anderen irgendwie nicht umgehen. Nur wenn es darum ging, mir neues Wissen anzueignen oder selbst Dinge zusammenzubauen, schaffte ich es, über meinen Schatten zu springen und beispielsweise in einer Arbeitsgruppe mitzumachen. Die Teamarbeit war aber immer schwer, und meistens machte ich dann doch immer alles alleine, weil die anderen für mich wie ein Klotz am Bein wirkten.
Es gab nur einen Ort, an dem ich im Team arbeiten konnte - das Eis. Eishockey war aus den gegeben Gründen - ihr wisst schon, Drake DuCaine, Nationalsport und so - die einzige Sportart, die meine Eltern mir zu lernen erlaubt hatten. Ich war zwar etwas tollpatschig, aber nicht unbedingt untalentiert. Und das konnte auch mein Trainer sehen, und so spielte ich schon in jungen Jahren in einem Team mit. Auf dem Eis schaffte ich es sogar, mit anderen Enten zu reden, zu scherzen, doch kaum hatte ich die Eisfläche verlassen, war ich wieder mein normales Selbst. Vor allem zu Collegezeiten war dieser Wechsel immer sehr stark ausgeprägt. Zwei Gesichter quasi.
Auch auf der Uni war es nicht anders. Ich lernte, lernte und lernte und hatte binnen kürzester Zeit meinen Doktor in technischer Mathematik. Ich fügte dem noch allerlei Titel hinzu (Doktor in Chemie, Ingenieurswissenschaften), und schon bald hatte ich einen Lehrstuhl an der Uni inne und noch dazu mein eigenes Labor. Ich erfand ziemlich viele neue Gerätschaften und sah einer vielversprechenden wissenschaftlichen Karriere entgegen, doch dann griffen die Saurier an, und mein Leben, das Leben aller änderte sich schlagartig.
Mir war zuerst das Wichtigste, meine Eltern in Sicherheit zu bringen. Mir war die Flucht vor Draganus' Häschern dank mehr Glück als Verstand - okay, das ist bei mir doch eher unwahrscheinlich -, also dank sehr viel Glück gelungen. Meine Eltern und ich konnten uns dann in Vaters Geheimlabor verschanzen und entgingen so für sehr lange Zeit den Hunterdrones. Bei unseren nächtlichen Ausflügen ins Freie, bei denen wir uns Nahrung besorgten, hörten wir vom Widerstand, was meinen Vater dazu bewog, mit dem Bau von Waffen zu beginnen. Ich half ihm selbstverständlich dabei, und siehe da, ich erwies mich als ausgesprochen geschickt. Nicht, dass mich das überrascht hätte. Bald hatten wir ein kleines Waffenarsenal beisammen, das wir nun nur mehr zur Geheimbasis des Widerstandes schaffen mussten. Ich zog also los, um diese Basis zu finden und einen Transport zu organisieren, und ich schaffte das auch tatsächlich.
Als ich aber mit den Widerstandskämpfern, die dafür sorgen sollten, dass die Waffen nicht gestohlen wurden, bei Vaters Geheimlabor eintraf, war dieses zerstört. Ich blieb wie erstarrt stehen, doch dann vernahm ich Hilferufe aus den Trümmern. Mit bloßen Händen schaffte ich die Trümmer beiseite. Ob mir die Widerstandskämpfer geholfen haben, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur mehr, dass ich irgendwann meine verletzte Mutter im Arm hielt.
Sie erzählte, dass Hunterdrones das Labor aufgespürt und angegriffen hatten. Sie hatten es geschafft, einzudringen, obwohl Vater ein paar seiner neuen Waffen genutzt hatte, um einige der Hunterdrones zu zerstören. Doch die übrigen bemächtigten sich der restlichen Waffen, packten meinen Vater und nahmen ihn einfach mit. Meine Mutter hatte noch versucht, ihm zu helfen, war dann aber von einem Trümmerteil getroffen worden und hatte das Bewusstsein verloren.
Ich war völlig außer mir, als ich das hörte. Ich schaffte es noch so lange ruhig zu bleiben, bis ich meine Mutter im Basislager untergebracht und medizinisch versorgt hatte. Immerhin hatte meine Mutter mich auch die Grundkenntnisse der Medizin gelehrt. Doch als das geschehen war, begann ich meinen Rachefeldzug gegen Draganus.
Ich suchte meinen Vater und löschte auf meinem Weg jeden Hunterdrone aus, den ich finden konnte. Das ging monatelang so. Meine Mutter war mittlerweile wieder gesund, und ihre Fähigkeiten als Ärztin waren beim Widerstand durchaus gefragt, weswegen sie im Basislager blieb, um den Enten so zu helfen.
Ich musste mich im Zuge meiner Einsätze dann doch mehr mit anderen Enten auseinandersetzen, erst rein auf professioneller Ebene, versteht sich, aber komischerweise freundete ich mich mit einigen Enten an. Und es gefiel mir sogar. Ich habe einige sehr gute Freunde gefunden, und einen, bei dem es sogar mehr ist, aber das bleibt mein Geheimnis.
Die Suche nach meinem Vater setzte ich selbstverständlich fort, allerdings blieb sie erfolglos. Als Canard mich für seinen Sondereinsatz anwarb, stimmte sich sofort zu, da ich mir dachte, wenn erst einmal Draganus vertrieben war, würde es um Einiges leichter sein, meinen Vater zu finden.
Ich wusste, dass die Mission gefährlich werden würde, und das war sie dann ja auch. Die Sache mit Mallory beim Sprengen des Hauptcomputers – ja, ich glaube, ich war noch nie so nah dran, einer anderen Ente eine zu knallen. Aber dafür war keine Zeit, und im Nachhinein betrachtet war es auch gut, dass ich ihr keine verpasst habe. Wer weiß, wären wir sonst so gute Freundinnen geworden. Und immerhin hat die verfrühte Sprengung auch Draganus abgelenkt und von Wildwing weggelockt, sodass unser jetziger Teamcaptain gerettet werden konnte. Also, es war schon irgendwie gut so.
Als wir unsere Mission dann fast erfüllt hatten und Draganus verfolgten, da ist diese Sache mit Canard passiert. Ich fasse immer noch nicht, dass er das für uns getan hat. Ich stehe auf ewig in seiner Schuld. Ich hoffe, wir können ihn bald wiederfinden.
Ja, und jetzt sitzen wir auf der Erde fest. Ich bin bloß froh, dass es Lectricland gibt, sonst wäre ich hier schon längst durchgedreht. Aber dank dem Laden kann ich sogar der Erde etwas Positives abgewinnen, obwohl ich oft Heimweh habe. Ich vermisse meine Eltern.
Etwas beruhigt bin ich, weil Andrea mir erzählt hat, mein Vater sei noch am Leben. Sie habe ihn zusammen mit meiner Mum bei einer Feier für uns verschollene Helden gesehen. Als sie das erzählt hat, bin ich ihr gleich um den Hals gefallen vor lauter Freude. Und ihr wisst, so was mach ich sonst nie. Ich glaube, Andrea war auch sehr überrascht.
Jetzt weiß ich zwar, dass es meinen Eltern gut geht, aber wie es meinen Freunden und einem gewissen Erpel geht, weiß ich immer noch nicht. Sicher, in meinen Teamkameraden habe ich neue Freunde gefunden, und ganz ehrlich, ich möchte sie nicht mehr missen, aber trotzdem mache ich mir Sorgen um meine Freunde auf Puckworld.
Aber wir haben einen Auftrag: Wir müssen Draganus aufhalten. Und das wird uns auch gelingen. Und dann kehren wir nach Puckworld zurück, wo ich meine Eltern und Freunde wiedersehen und einen bestimmten Erpel in die Arme schließen kann. Und eines verspreche ich euch: Ich lasse ihn dann bestimmt nicht mehr los.

ENDE

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