Nosedive

Also, ich soll euch erzählen, wie es bei mir im Leben so gelaufen ist, ehe ich zu Canards Truppe gestoßen bin? Ich versteh schon, warum ihr das wissen wollt. Von so einem coolen Erpel wie mir hört man so was nicht alle Tage. Na, dann will ich mal loslegen.
Meine Familienverhältnisse solltet ihr eigentlich kennen, aber gut, ich wiederhol das hier gerne noch mal: Ich habe einen älteren Bruder namens Wildwing. Ich weiß, echt ne Überraschung. Ansonsten habe ich keine Geschwister. Wozu auch? Wing ist der beste Bruder, den man sich vorstellen kann. Sonst brauch ich niemanden.
Unsere Eltern würde ich mal als ein typisches Vorstadtehepaar bezeichnen. Sie waren nicht reich, aber wir haben doch sehr gut gelebt, denn arm waren wir auch nicht gerade.
Die ersten Jahre meines Lebens waren normal, wie das bei Küken nun mal so ist. Die Coolness kam erst später, dafür umso heftiger. In der ersten war ich einfach der süße kleine Erpel mit den blonden Haaren. Und so hab ich mich auch verhalten - brav, süß, zum Anbeißen einfach. So hat das zumindest meine Mutter bezeichnet. Ich kann mich an diese Zeit nicht mehr wirklich erinnern.
Mit etwa vier Jahren fing ich an, Wildwing nachzueifern. Das gestaltete sich extremst schwierig, immerhin ist er ja acht Jahre älter als ich. Und ganz ehrlich, als Vierjähriger hat man im Kino bei Actionfilmen eher weniger zu suchen. Wing wusste das. Ich nicht. Ich hab auch nicht verstanden, warum er mich nie mitnehmen wollte. Aus Trotz habe ich angefangen, ihm allerlei Streiche zu spielen. Und ob ihr mir glaubt oder nicht, das hat ungemein Spaß gemacht. Aber Wildwing hat sich über meine Streiche nie geärgert, sondern sie eher ruhg hingenommen. Nur einmal hat er einen Wutanfall bekommen, nämlich als ich die Unterlagen für ein megawichtiges Referat mit Smileys und meinen Lieblingscartoonfiguren dermaßen übermalt habe, sodass man nichts mehr lesen konnte. Aber wenn man bedenkt, wie viele Streiche ich ihm eigentlich gespielt habe, war die Ausbeute echt mager. Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum ich in den nächsten Jahren dazu übergegangen bin, meinen Kameraden in Kindergarten und Schule Streiche zu spielen. Die haben sich wenigstens so richtig schön geärgert! Hach, war das herrlich!
Ich hatte bald einen gewissen Ruf. Vom blonden Engelchen zum Meister der Streiche - was für eine Laufbahn!
Es gab nur eine Ente in meinem näheren Umfeld, der ich nie Streiche gespielt habe: Chrissie, Canards Schwester. Aber das lag wahrscheinlich daran, dass Chrissie immer meine Verbündete war. Wir waren total oft zusammen, haben sogar im Sandkasten miteinander gespielt. Sie war immer meine „Sister in Crime". Obwohl ich, wenn wir erwischt wurden, immer alle Schuld auf mich genommen habe. Chrissie ist ja jünger als ich. Da musste sie wirklich nicht immer das ganze Strafmaß abbekommen. Und so blieb sie nach außen hin das brave Mädchen aus der Nachbarschaft - und das konnte mir nur recht sein, denn so wurde sie nie verdächtigt, was streichetechnisch wirklich ungeahnte Möglichkeiten bot.
Tja, wenn ich schon mal bei Canards Schwester bin, kann ich ja gleich auch über Canard selbst reden. Also, was kann ich zu Canard sagen? Ich habe ihn immer bewundert. Zwar war ich auch eifersüchtig auf ihn, weil er der beste Freund meines Bruders war und Wildwing echt oft mit ihm abhing - unter anderem durfte Canard von Anfang an Wildwing ins Kino zu Actionfilmen begleiten -, aber abgesehen davon, fand ich, dass Canard ein ziemlich cooler Typ ist. Okay, nicht so cool wie Wing, zugegeben, aber doch cool genug, um sich meine Gunst zu verdienen.
Wo wir gerade bei Coolsein sind: Als ich auf der Highschool war, war ich echt der coolste Erpel dort - so cool, dass das außer mir niemand erkennen konnte. Tja, wenn man so cool ist wie ich, muss man eben damit leben, dass andere eifersüchtig sind. Also bekam ich auch ein paar Streiche ab, aber damit konnte ich gut umgehen. Es war zwar ein ganz klein wenig peinlich, als Wildwing mich mindestens einmal pro Woche aus meinem Spind befreien musste, weil man mich dort eingesperrt hatte, aber he, so cool wie ich ist noch niemand aus dem Spind wieder rausgekrochen.
Ich hing also wieder die meiste Zeit mit Chrissie ab, auch wenn sich diese ziemlicher Beliebtheit unter den anderen Enten - aber von denen war niemand so cool wie ich, und das wusste Chrissie - erfreute, so unternahmen wir doch regelmäßig etwas zusammen. Und da ich nun auch älter war, nahm mich auch mein Bruder öfters mit. Wir gingen zu Eishockey-Spielen, trainierten zusammen oder sahen uns - endlich, wie ich betonen muss - gemeinsam Actionfilme im Kino an. Oft war auch Canard dabei. Die schönsten Treffen waren aber die, an denen wir zu viert unterwegs waren - Wildwing, Canard, Chrissie und ich. Wir hatten immer viel Spaß zusammen.
Doch dann griffen die Saurier an. Um genauer zu sein, war es ein Tag, an dem Wing und ich gemeinsam zu einem Match unserer Lieblingsmannschaft unterwegs waren. Und so kam es, dass wir in dem Chaos, das im Anschluss daran ausbrach, in Gefangenschaft gerieten. Wir wussten nicht, was mit unseren Eltern passiert war oder wie es Canard und Chrissie ging. Erst als Canard uns aufgabelte, wussten wir, dass er noch am Leben war. Wir erfuhren auch, dass er Chrissie in einem Versteck der Widerstandskämpfer sicher untergebracht hatte. Eigentlich hätte er mich auch dorthin bringen wollen, nachdem er Wildwing nicht davon überzeugen hatte können, mich zurückzulassen - ganz ehrlich, dieses eine Mal war ich echt sauer auf Canard -, aber die Zeit reichte nicht aus. Und ein sicheres Versteck in der Nähe gab es auch nicht. Außerdem hätte Wildwing es ohnehin nicht zugelassen, dass wir voneinander getrennt wurden. Er hatte viel zu viel Angst davor, mich zu verlieren. Immerhin hatten wir schon den Kontakt zu unseren Eltern verloren. Dass Canard uns erzählte, er hätte sie Monate zuvor in einem der Auffanglager des Widerstandes getroffen, beruhigte uns zwar etwas, aber es hieß nicht, dass es ihnen immer noch gut ging.
Richtig beruhigt in Bezug auf unsere Eltern waren wir erst, als Andrea uns, als sie hier auf der Erde ankam, berichtete, dass sie die beiden erst vor Kurzem im Fernsehen gesehen hatte - bei einer Gedenkfeier für Canards Widerstandstruppe, also uns. Sie hätten traurig gewirkt, immerhin gelten wir als verschollen. Ach, wie gerne würde ich ihnen sagen, dass es mir gut geht, dass ich eine tolle Karriere als Profieishockeyspieler mache, dass ich längst nicht mehr der kleine Chaot von früher bin. Okay, Letzteres stimmt nur bedingt. Aber ich würde es zumindest behaupten, damit sie stolz auf mich sind, und sei es nur für eine halbe Stunde, bis ich mein Chaoten-Sein nicht mehr unterdrücken kann.
Aber weiter im Text. Ich war also bei Canards Truppe dabei, aber gleich auf die Strafbank versetzt. Gut, ihr wisst, was dann passiert ist. Ich hab mich dran gemacht, mir selbst beizubringen, die Aerowing zu fliegen und dann mein Team gerettet. Wir haben uns an Draganus' Fersen geheftet, als dieser abhauen wollte, und sind so auf der Erde gelandet.
Zuvor hat sich Canard für uns geopfert - etwas, das mich immer noch sehr traurig macht. Canard war ein cooler Erpel. Aber am meisten tut mir weh, wenn ich sehe, wie sehr Wildwing immer noch darunter leidet, dass wir Canard damals verloren. Armes Bruderherz! Aber ich bin mir sicher, wir werden Canard schon irgendwie wieder finden.
Ansonsten geht hier auf der Erde alles seinen gewohnten Gang. Wir machen die Ekelechsen fertig, räumen unter den Spinnern hier in Anaheim auf und spielen klasse Eishockey. Was will man mehr? Na ja, gut, meine Aktivität in puncto Streiche hat etwas gelitten. Es gibt hier einfach zu wenig Opfer. Mallory, ja, ihr Streiche zu spielen, ist spitze, weil sie immer gleich in die Luft geht, aber leider weiß sie auch immer gleich, dass ich dahinter stecke. Und Mallory sollte man nie zu sehr reizen. Das könnte verdammt schief gehen.
Alle meine Bemühungen, Andrea zu meiner neuen Streichpartnerin zu machen, schlugen leider fehl. Sie wäre perfekt, fast so gut wie Chrissie, weil sie sich toll anschleichen und ungesehen in Räume eindringen kann. Aber leider, leider hat die Gute zu hohe Moralvorstellungen. Also werde ich meine Streiche weiterhin alleine durchführen müssen.
Ansonsten versuche ich, das Leben hier auf der Erde zu genießen. So schlecht ist es gar nicht, ehrlich. Ich hab Freunde, meine Ersatzfamilie, meinen großen Bruder. Trotzdem hoffe ich, dass wir irgendwann nach Hause können. Ich muss Mum und Dad doch zeigen, dass es mir gut geht. Und ich kann es kaum erwarten, ihnen von meinen Heldentaten zu erzählen. Und das werde ich auch! Irgendwann bestimmt.

ENDE

Kommentieren