Grin

Ich beginne meine Geschichte mit etwas, das eigentlich erst später in meinem Leben eine Rolle spielen sollte, aber dennoch so zentral für mich ist, dass es an den Anfang gehört. Mein Name lautete früher überhaupt nicht Grin. Ich hieß Check Hardwing.
Als wir hier auf der Erde gelandet waren, mussten wir, als wir unsere Aufenthaltsgenehmigungen beantragten, ein paar Formulare ausfüllen. Und überall war ein Nachname verlangt. Also gab ich meinen richtigen Namen an - wenn es so etwas wie einen richtigen Namen überhaupt gibt, denn Namen sind Schall und Rauch. Phil hat sich ganz verwundert am Kopf gekratzt, als er meine Formulare noch einmal durchgesehen hat, und auch meine Teamkollegen waren wohl überrascht, als sie dort nirgends "Grin" lesen konnten.
Aber so ist es nun mal. Grin ist der Name, den ich angenommen habe. Und das ist viele Jahre her.
Und nun will ich die Geschichte von Anfang an beginnen: Wie gesagt, ich erblickte als Check Hardwing das Licht Puckworlds. Ob ich eine Familie hatte, weiß ich nicht mehr. Es ist auch nicht mehr wichtig, denn wichtig ist die Familie, die ich jetzt habe - meine Teamkollegen und Freunde. Aber damals hätte ich mir nichts sehnlicher gewünscht als eine Familie.
Ich bin im Waisenhaus aufgewachsen, und wenn wir unseren sonntäglichen Spaziergang durch den Park machten, sah ich immer Familien beim Picknick, Spielen oder Eislaufen. Und sie wirkten alle so glücklich! Ich wollte auch eine Familie haben, aber das war unmöglich.
Glaubt mir, ich habe es versucht. Einmal - ich muss etwa acht gewesen sein - schlich ich mich von der Gruppe weg und ging einer Familie mit drei Kindern nach. Ich war der festen Überzeugung, wenn ich ihnen bis nach Hause folgen würde, müssten sie mich behalten. Dass dem nicht so war, erkannte ich erst, als sie mir das Haustor vor dem Schnabel zuschlugen. Sie hatten offensichtlich nicht einmal mitbekommen, dass ein kleiner, grauer Erpel in viel zu großen, abgetragenen Klamotten hinter ihnen hergelaufen war. Ich war den Tränen nahe.
Hängenden Kopfes trottete ich ins Waisenhaus zurück, wo ich zur Bestrafung dafür, dass ich ausgerissen war, im Keller schlafen musste. Aber das war mir egal. Ich hatte erkannt, dass ich keine Familie hatte und wohl auch nie eine haben würde. Vater, Mutter, Kind - das gab es für mich nicht.
Mit dieser Erkenntnis schwand auch mein Interesse an anderen Enten. Was gingen sie mich an? Sie waren nicht mit mir verwandt. Ich hatte keinen Vater, keine Mutter, keine Geschwister. Ich hatte niemanden. Davon war ich felsenfest überzeugt.
Und so war auch der Grundstein für meine Rowdy-Karriere gelegt, denn eine einzige Sache, für die ich mich begeistern konnte, war mir geblieben: Eishockey. Und ich ließ all meinem Zorn auf dem Eis freien Lauf. Im Laufe der Jahre wurde ich immer brutaler und beförderte nicht nur einen gegnerischen Spieler ins Krankenhaus. Der eine oder andere Teamkollege war auch dabei. Teams waren was für Weichlinge, ich wollte gewinnen! Mehr noch: Ich wollte derjenige sein, der die Tore schoss!
Auch außerhalb der Eisfläche legte ich ein außergewöhnlich pöbelhaftes Verhalten an den Tag. Und da ich nicht gerade ein Schwächling war - Muskeln hatte ich für mein Alter ja mehr als genug -, wagten es bald nicht einmal mehr meine Lehrer oder die Leiter des Waisenhauses, sich mit mir anzulegen. Die Schule habe ich mit Bestnoten abgeschlossen, obwohl ich nicht eine einzige Klassenarbeit geschrieben und bei den mündlichen Prüfungen eisern geschwiegen habe. Man hatte Angst vor mir. Und das war ein gutes Gefühl.
Doch keines meiner Opfer wusste, wie einsam ich eigentlich war, wie allein. Fast jede Nacht kämpfte ich mit den Tränen, denn eigentlich war ich ja gar kein brutaler Erpel. Ganz tief in mir drinnen war ich sanft und wünschte mir nach wie vor nichts mehr, als eine Familie zu haben. Doch tagsüber war diese Seite gut verborgen. Tagsüber war ich der Check, vor dem alle Angst hatten.
Und dann traf ich auf Meister Tai Quack Do. Zu Anfang hielt ich ihn bloß für einen schrulligen, alten Erpel. Na gut, das war er vielleicht auch. Aber er war ebenso der weiseste Erpel, den ich je getroffen habe. Er konnte quasi durch einen hindurchsehen und wusste wohl von Anfang an, dass ich innen drin gar nicht der Rowdy war, der ich nach außen hin zu sein vorgab.
Ich verbrachte einige Jahre in seiner Eishockey-Schule, wo er mich den wahren Weg des Eishockeys lehrte.
Ich konnte anfangs gar nicht verstehen, was er von mir wollte, aber seine Art hatte mich beeindruckt. Und mal ehrlich, wer sonst könnte einen Puck, den ich mit voller Kraft abfeuere, nur mit einer Hand fangen? Eben.
Ich war wohl einer von Meister Tai Quack Dos schwierigeren Schülern, denn ich erwies mich in den ersten Jahren als etwas lernresistent. Doch nach und nach verstand ich, was er meinte. Und noch bevor ich den wahren Weg des Eishockeys erkannte, lernte ich, dass man auch mit anderen Enten reden konnte, ohne sie gleich anbrüllen oder zusammenschlagen zu müssen. Ich sah bald nicht mehr bloß den Meister in Tai Quack Do, sondern auch so etwas wie einen Vater. Und als ich das begriffen hatte, tat ich mich auch leichter damit, zu verstehen, worum es beim Eishockey tatsächlich ging. Von da an absolvierte ich meine Ausbildung in Rekordzeit.
Ich verließ Meister Tai Quack Dos Schule, um anderen den wahren Weg des Eishockey zu zeigen. Als Zeichen meiner Läuterung legte ich meinen alten Namen ab und nannte mich fortan Grin. Zuerst hatte ich an „Eishüpfer", den Namen, den Meister Tai Quack Do mir gegeben hatte, gedacht, aber dann kam er mir doch zu kindlich vor.
Ich erinnerte mich an etwas, das der Meister mir gesagt hatte, als wir einmal durch die Straßen von Icelake-City gegangen waren. Viele wichen erschrocken zurück, weil ich einen so finsteren Gesichtsausdruck hatte, aber ich war gar nicht böse oder wütend. Ich sehe nun mal einfach von Natur aus nicht besonders fröhlich aus. Ich war deprimiert und sah traurig zu Boden.
„Was hast du, mein Eishüpfer?", fragte Meister Tai Quack Do.
Ich antwortete: „Ach, Meister, die Enten wenden sich von mir ab, weil ich nicht immerzu lächele."
„Dann sehen sie nicht richtig hin", erwiderte der Meister. „In dir drinnen lächelst du nämlich die ganze Zeit, ja, du grinst geradezu."
Mir wurde schlagartig leichter ums Herz, und ich hob wieder den Blick. Irgendetwas musste in diesem Augenblick tatsächlich mit mir passiert sein, denn die Enten begegneten mir zwar immer noch mit Respekt, aber es wich niemand mehr vor mir zurück.
Also nannte ich mich Grin - Grinsen.
In den darauf folgenden Jahren war mir das Wichtigste, Eishockey spielen zu können. Mir ging es nicht mehr darum, Pokale und Preise zu gewinnen und alle Tore alleine zu schießen. Ich war nun ein sehr guter Teamplayer, und ich wurde sehr bekannt in Icelake-City und verdiente auch sehr gut. Dieses Geld spendete ich immer an Waisenhäuser. Materielle Dinge waren mir einfach nicht mehr wichtig. Ich konnte Eishockey spielen. Das war alles, was zählte.
Ich war gerade dabei, den Sprung in die Hauptstadt und damit die größte Liga Puckworlds zu wagen, als die Saurier angriffen. Da war dann keine Zeit mehr, Eishockey zu spielen.
Gemäß meinem Lebensmotto, anderen Enten zu helfen, kämpfte ich zuerst alleine gegen die Saurier. Dann allerdings fingen wir Enten an, uns zusammenzutun und gemeinsam gegen die Invasoren vorzugehen. Es war die Geburtsstunde des Widerstandes. Wegen meiner Kraft wurde ich sehr wichtig in dieser Bewegung. Es gab nicht viele Enten, die Hunterdrones mit bloßen Händen zerlegen konnten und denen noch dazu Schmerz nichts ausmachte - ihr wisst schon: Schmerz ist nur eine Illusion.
Dann wurde ich von Canard für seine Mission angefordert und sagte, ohne zu zögern, zu.
Wie die Mission verlief, ist bekannt, auch, was mit Canard passierte. Es tut mir heute noch weh, wenn ich daran denke, wie er sich opferte, um uns zu retten. Eine große Seele, fürwahr.
Ich glaube auch, dass es dieser Augenblick war, in dem ich begriff, dass man nicht zwangsläufig eine Familie haben musste, um irgendwo dazuzugehören.
Sicher, ich hatte vorher schon Teamkollegen gehabt. Doch wir waren tatsächlich immer nur Teamkollegen gewesen, nie Freunde. Erst als ich mit den anderen Mitgliedern von Canards Widerstandstruppe Seite an Seite kämpfte, fühlte ich mich ihnen tatsächlich verbunden.
Auf der Erde wuchsen wir dann noch stärker zusammen. Und ich denke, ich kann nun mit Fug und Recht behaupten, meinen Platz im Universum gefunden zu haben - bei meiner Familie, den Mighty Ducks.

ENDE

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