Duke

Wie fängt man eine solche Geschichte am Besten an? Nun, ich würde mal sagen, am Anfang.
Ich wurde in einem wunderschönen Herrenhaus in DuCaine City, der Hauptstadt Puckworlds, geboren. Meine Familie gehörte ehemals zum Adel des Planeten. Grafen, Baronessen, Fürstensöhne - das hab ich alles in meinem Stammbaum. Als allerdings alle Familien ihre Adelstitel als Ehrerweisung an Drake DuCaine aufgaben, tat dies meine Familie ebenfalls. Allerdings hat mir meine Mutter einmal erzählt, dass mir mein Vater zum Gedenken an unsere adeligen Vorfahren meinen Namen gegeben hat. Duke - Herzog.
An meinen Vater erinnere ich mich kaum. Er starb, als ich vier war. Ich erinnere mich nicht mehr wirklich daran, wie er aussah. Das weiß ich nur mehr von Bildern. Wenn ich an meinen Vater denke, dann sehe ich zwei starke Arme, die mich nach dem Fangenspielen vom Garten zurück ins Haus tragen, und an seinen Geruch. Ja, den habe ich nach all den Jahren immer noch im Gedächtnis oder besser gesagt im Schnabel.
Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich mich noch Wochen nach Vaters Tod regelmäßig in seinem Kleiderschrank verkrochen und zwischen seinen alten Pullovern und Hemden geschlafen habe.
Sonst weiß ich von meinem Vater nur mehr, was man mir erzählt hat. Und das ist nicht viel. Mutter konnte so gut wie nie über ihn sprechen, ohne zu weinen zu beginnen, so sehr vermisste sie ihn, und ich wiederum konnte sie nie weinen sehen. Und andere Leute haben mir immer nur erzählt, was für ein ehrenhafter Erpel er war oder wie sehr ich ihm ähnelte. Da ich so wenig über ihn weiß, weiß ich nicht, ob das nun ein Kompliment sein soll oder nicht. Ich hoffe einfach auf Ersteres.
Meine Mutter war immer für mich da, und sie ist es auch, die ich so sehr vermisse. Sie ist aber auch die Einzige, die ich wiederzusehen scheue. Eigentlich habe ich ziemliche Angst davor. Aber dazu später mehr.
Nach dem Tod meines Vaters musste also meine Mutter alles regeln. Das war nicht leicht, da bin ich mir sicher. Meine Familie war nie arm, aber dennoch gehörte meine Familie zu dem Zweig des Stammbaums, der früher dem niederen Adel angehört hat. In den ehemaligen Adelskreisen waren wir also nicht so besonders angesehen. Deswegen stand meine Mutter bei Dinnern, die bei uns im Haus stattfanden, immer extrem unter Druck, um unsere Familie richtig zu repräsentieren. Immerhin hatte sie nicht einen gesamten Stab an Hausbediensteten unter sich, sondern nur unser Hausmädchen und den Gärtner-Chauffeur. Bei öffentlichen Anlässen wurde sie meist geschnitten oder eher belächelt, da ihre Kleider zwar wunderschön, aber nicht der aktuellsten Mode gemäß gestaltet waren.
Ich habe gemerkt, dass meine Mutter bei solchen Anlässen immer etwas traurig und unsicher war, auch wenn sie das gut zu verbergen wusste. Sie setzte dann immer ihre lächelnde Maske auf, wie ich das nannte.
Ich bewundere meine Mutter dafür, dass sie trotz allem niemals aufgegeben hat. Sie war sich auch nie zu schade dafür, die niedrigsten Aufgaben zu übernehmen. Wie viele Gräfinnen gibt es sonst, die selbst die Küche fegen?
Ich selbst bemerkte diesen Standesunterschied erst, als ich an ein Eliteinternat wechselte. Damals war ich zwölf.
Ich kam also an dieses Internat. Die Lehrer waren eigentlich sehr nett, aber mit meinen Mitschülern wurde ich einfach nicht warm. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte, aber irgendwie blieben sie immer unverbindlich, ganz egal, was ich vorschlug. In Gruppenaktivitäten wurde ich nie einbezogen. Ich war der Verzweiflung nahe. Was stimmte nicht mit mir? Diese Frage stellte ich mir tagaus, tagein.
Ich fand nur eine Antwort auf diese Frage: Im Fechten war ich besser als alle anderen. Obwohl ich zuvor noch nie einen Degen in der Hand gehabt hatte, hatte ich den Dreh bald raus und schaffte es, mich gegen Gegner zu behaupten, die schon jahrelang Fechtunterricht bekommen hatten.
Das musste es sein, da war ich mir sicher. Meine Mitschüler waren einfach nur eifersüchtig. Nun gut, da konnte man ja etwas tun. Beim ersten Turnier der Schule verlor ich absichtlich. Gemerkt hat es niemand. Offensichtlich verfügte ich auch über schauspielerisches Talent, was mir später mehr als einmal zugute kam.
Zu meiner Überraschung änderte sie sich dadurch aber nichts. Ich wurde immer noch geschnitten. Ein junger Bursche aus der Parallelklasse gab mir dann einen Tipp. Er habe meine Verzweiflung nicht mehr mitansehen können, behauptete er und erklärte mir, dass es meine Abstammung war, die mich zwingend aus dem engeren Kreis ausschloss. Mein Freund wollte er trotzdem nicht sein.
Ich wusste nun also, was der Grund für das Verhalten meiner Mitschüler war. Aber das machte es um nichts leichter, denn ich konnte nichts tun.
Ich fand dann einen anderen Weg, meinem Ärger Luft zu machen. Wenn es gar schlimm wurde, nahm ich immer geliebte Gegenstände meiner Mitschüler an mich und ließ sie für eine Weile verschwinden, nur um sie dann irgendwo wieder auftauchen zu lassen. Ich machte nichts kaputt, weswegen meine Schulkollegen immer wieder ihre eigene Vergesslichkeit für das Verschwinden ihrer Sachen verantwortlich machten. Mich hatte nie jemand im Verdacht. Offensichtlich auch so eine Begabung von mir, Dinge an mich zu bringen. Wie man weiß, wurde es eine regelrechte Berufung.
Gestohlen in dem Sinne hatte ich also bis zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas. Doch das sollte bald folgen.
Eines schönen Tages in meinem sechszehnten Lebensjahr saß ich in einem Nobelcafé und gönnte mir einen gute Tasse Kaffee. Am Nebentisch saßen zwei junge Damen, die eine von ihnen war in heller Aufregung.
Was sich ihr Freund nur dabei gedacht habe, jammerte sie und zeigte ihrer Begleiterin ein Schmuckkästchen. Sie öffnete es und der schönste Diamantenanhänger, den ich je gesehen hatte, kam zum Vorschein. Nicht zu groß, doch wunderschön verarbeitet, filigran in Gold gefasst und an einer hübschen Goldkette befestigt.
Sie habe doch das Diamantencollier haben wollen, klagte die junge Entenfrau weiter. Wie konnte ihr Freund es nur wagen, sie mit so einem kleinen Anhänger abzuspeisen?
Wütend pfefferte sie das Schmuckkästchen wieder in ihre Handtasche.
Ich kann nicht mehr genau wiedergeben, was genau dann passiert ist. Es kommt mir vor, als hätte ich es nur geträumt und nach dem Aufwachen die Hälfte wieder vergessen. Beim Verlassen des Cafés war ich hinter den beiden. Es gab ein kleines Gedränge auf der Straße, und als ich dann später im Taxi auf dem Weg nach Hause saß, befand sich das Schmuckkästchen samt Diamantenanhänger in meiner Tasche. An den Teil dazwischen kann ich mich nicht mehr erinnern.
Ich habe den Anhänger dann meiner Mutter geschenkt und gesagt, ich hätte von meinem Taschengeld lange dafür gespart. Ich bin mir sicher, dass meiner Mutter klar war, dass das gelogen war. Immerhin wusste sie ja, wie viel Taschengeld ich bekam und dass da kaum etwas für Schmuck wegzusparen gewesen wäre. Aber sie sagte nichts. Den Anhänger trägt sie immer noch, glaube ich.
Doch offensichtlich hatte ich Blut geleckt. Den Umgang mit Diamanten ist man in meinen Kreisen ja gewöhnt. Man lernt zwangsläufig etwas über Schliffe, die verschiedenen Arten und so weiter. Aber mir war das nicht mehr genug. Ich hatte meine Passion für Diamanten entdeckt. Ich hielt sie gerne in der Hand, strich über ihre glatte Oberfläche. Aber da es in unserem Haus kaum Schmuck gab, hatte ich dazu auch nicht wirklich die Gelegenheit gehabt. So wurde es eine Art Hobby von mir, in Juweliergeschäfte zu gehen und mir verschiedene Stücke zeigen zu lassen.
Doch etwas fehlte. Und ich fand auch bald heraus, was. Der Nervenkitzel war nicht da, die Aufregung, die ich empfunden hatte, als ich mit dem gestohlenen Anhänger in der Tasche im Taxi gesessen hatte. Und so erweiterte ich mein Hobby. Ich drang nun heimlich des Nachts in die Juweliergeschäfte ein. Ich stahl nach wie vor nichts. Es ging mir mehr darum, mir verbotenerweise Zutritt zu verschaffen, mir die Stücke, dir mir gefielen, so lange anzusehen, wie ich wollte und dann wieder zu verschwinden, ohne dass jemand erfuhr, dass ich überhaupt jemals dort gewesen war.
Dass ich am Anfang mehr Glück als Verstand hatte, ist mir klar. Ich war noch so ungeschickt. Dass ich nie geschnappt wurde, grenzt wirklich an ein Wunder.
Mit zwanzig frönte ich also immer noch dieser meiner Leidenschaft. Doch man war auf mich aufmerksam geworden. Nicht die Polizei, nein. Potenzielle Auftraggeber. Unter sehr dubiosen Umständen wurde angefragt, ob ich Interesse hätte, einen wertvollen Diamanten aus einem Museum zu entwenden. Man würde mich fürstlich dafür entlohnen.
Dass man mit so etwas Geld verdienen konnte, daran hatte ich nie gedacht. An Geld hatte es ja nie gemangelt. Aber irgendetwas daran reizte mich. Wem würde es nicht so gehen? Das tun, was man gerne tat, und dann auch noch dafür bezahlt werden - besser konnte es ja gar nicht laufen.
Ich stimmte also zu. Dass das auch eine Falle hätte sein können, der Gedanke wäre mir nie gekommen. Ich war eben doch noch sehr naiv. Und zu meinem Glück war es auch keine. Mehr Glück als Verstand, das sagte ich schon einmal.
Ich sollte aber mit einem erfahreneren Dieb zusammenarbeiten. Er war sogar etwas jünger als ich, aber er hatte sich in der Szene einen Namen gemacht. So lernte ich Falcone kennen.
Gemeinsam holten wir also diesen Stein, und von da an waren die Weichen für meine Verbrecherkarriere gestellt, denn ich hatte nicht nur das nötige Talent und eine Riesenportion Glück, nein, ich verfügte auch über nicht gerade wenig Hintergrundwissen.
Schon bald hatte ich einen entsprechenden Ruf. Und die Situation wurde auch immer brenzliger, denn von so etwas bekommt auch die Polizei Wind, so langsam sie auch sonst arbeiten möge. Und die Konkurrenz ist in diesem Gewerbe auch nicht gerade gering, und manche dieser Enten schrecken nicht vor den hinterhältigsten Methoden zurück, beispielsweise die Familie eines Konkurrenten umzubringen.
Ich fürchtete um das Leben meiner Mutter und tat schweren Herzens das Einzige, was ich tun konnte: Ich tauchte unter. An dem Abend, an dem ich sie verließ, saßen wir noch gemeinsam beim Abendessen, und Mutter erzählte mir, dass es nachher einen interessanten Film spielen würde und ob ich ihn mir nicht mit ihr ansehen wolle. Entschuldige, Mutter, dass du dir den Film dann doch alleine ansehen musstest.
Ich legte einen kurzen Abschiedsbrief auf mein Bett, in dem ich erklärte, dass ich mich entschieden hatte, diesen Weg zu gehen, und ich sie daher verlassen müsse. Wenn ihr Mutterherz es ihr gestattete, möge sie mir bitte eines Tages verzeihen. Ich sprach nicht von Rückkehr oder dass wir uns irgendwann wiedersehen würden, denn ich wusste, es gab kein Zurück.
Und so stürzte ich mich in das Leben auf der falschen Seite des Gesetzes, und es war die Aufregung pur, genau das, was ich gesucht hatte, und genau das, was ich zu diesem Zeitpunkt brauchte, denn meine geliebte Mutter verlassen zu müssen, hatte mir regelrecht das Herz zerfetzt. Ich betäubte den Schmerz mit immer waghalsigeren Aufträgen, mit durchtanzten Nächten und Alkohol. Und ja, auch mit Frauen. Man kann nicht sagen, dass ich ein Kostverächter gewesen wäre. Und ich genoss es in vollen Zügen, dass ich bei den Damen so gut ankam.
Falcone und ich erledigten immer mehr Aufträge zusammen und wurden ein richtig gutes Team. Allerdings weiß ich jetzt, dass der Raubvogel ziemlich daran zu kauen hatte, dass ich - obwohl um einige Jahre kürzer im Geschäft als er - schon um vieles bekannter war und die Leute immer zuerst auf mich zukamen. Damals ließ er sich davon noch nichts anmerken. Bald kam auch noch Ramon, auch ein sehr talentierter Dieb, zu unserer kleinen Gruppe. Und da ging es erst richtig los mit dem Partyleben. Drei Junggesellen mit dem Wunsch, sich auszutoben – wer hätte da schon etwas anderes erwartet?
Und wir drei teilten nicht nur die Passion für schöne Steine, nein, auch das Fechten lag uns allen drei am Herzen. Es wurde zu unserem Markenzeichen. So wurden wir die Brüder der Klinge. Und ich als der Bekannteste unter uns dreien war der Anführer.
Das brachte natürlich nicht nur Vorteile mit sich. Ich war auch immer wieder das Ziel von Anschlägen und „Unfällen“. Nun ja, die Konkurrenz schläft nicht. Und in dieser Branche tötet sie sogar manchmal – oder versucht es zumindest. Ich hatte wie immer viel Glück. Ich habe lediglich mein rechtes Auge eingebüßt. Die Kerbe im Schnabel zählt da schon gar nicht mehr, dennoch will ich davon erzählen. Die Kerbe habe ich mir bei einer Explosion zugezogen. Und das Auge, das habe ich in einem Duell verloren. Ja, ich wurde auch zu Duellen herausgefordert. Bei uns Brüdern der Klinge gab es einen Codex, den wir beschlossen hatten - zum Gedenken an unsere Helden, den Schwertkämpfern aus alten Tagen. Der Codex besagte, nur zu töten, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gab – ich habe, der Heiligen Entenmutter sei Dank, bis jetzt immer noch einen anderen Ausweg gefunden – und dass man seine Ehre oder die Ehre der Seinen zu verteidigen habe. Und das machte sich nicht nur einer meiner Widersacher zunutze. In besagtem Duell verlor ich nur für den Bruchteil einer Sekunde den Überblick – und mein rechtes Auge für immer.
Zu Anfang litt ich sehr darunter, doch dann merkte ich, dass meine Attraktivität dadurch offensichtlich nicht beeinträchtigt war. Im Gegenteil – bei unseren vielen, vielen Barbesuchen suchten sogar noch mehr Damen meine Nähe. Mein künstliches Auge wirkte offensichtlich interessant. Und das ließ mich die Sache mit dem Auge schnell nicht mehr so wichtig nehmen.
An unserem wilden Lebenswandel änderte sich nicht einmal etwas, als sich die erste Frau uns anschloss. Mit ihrer kühlen und distanzierten Art nahmen wir Katarina Perova eher nicht als Frau wahr. Und es gab Situation, da – das muss ich ehrlich zugeben – war die Gute mehr Erpel als wir drei zusammen. Noch dazu konnte sie mit dem Schwert umgehen, als wäre es ein Teil ihres Körpers. Ich werde nie vergessen, wie sie Falcone in einem freundschaftlichen Wettstreit binnen kürzester Zeit entwaffnete. Ich schätze mal, er wird es auch nie vergessen.
Aber Katarina war nie ein festes Mitglied der Gruppe. Sie kam und ging, wie es ihr gefiel.
Wir drei blieben also die Draufgänger. Für mich änderte sich das erst, als ich auf Veronica traf. Sie war damals noch ein Kind von elf Jahren, das auf der Straße lebte. Ihre zerlumpte Erscheinung weckte mein Mitleid, das aber bald auch mit Bewunderung durchmischt war, denn für ihr Alter hatte sie wirklich was drauf. Sie konnte einem Polizisten die Dienstwaffe abnehmen, ohne dass der auch nur etwas merkte. Ich nahm Veronica also bei uns auf. Und während Ramon und Falcone weiter um die Häuser zogen, trat ich ein bisschen kürzer. Gut, Veronica war auf mich nicht angewiesen. Sie kam ganz gut alleine zurecht, aber sie war doch so etwas wie meine Ziehtochter. Oder nennen wir es besser „Ziehschwester“. Der Altersunterschied war zwar nicht gering, aber dennoch war ich auf keinen Fall alt genug, um ihr Vater zu sein.
Noch dazu wandelte sich unser Verhältnis im Laufe der Jahre. Ich sah bald nicht mehr eine sehr viel jüngere Schwester in ihr, sondern eine Frau. Und als sie zwanzig war, wurden wir sogar ein Paar. Es war die erste richtige Beziehung meines Lebens, und ich denke mal, so blöd hab ich mich gar nicht angestellt. Immerhin hielt die Beziehung ein paar Jahre.
In dieser Zeit kam auch noch Shirley zu uns, ein quirlige junge Entendame. Sie und Veronica waren ungefähr gleich alt, aber ansonsten grundverschieden. Veronica war ernst und pflichtbewusst und Shirley eine kleine Chaotin. Sie hatte ein unglaubliches Talent dafür, in die ungewöhnlichsten Situationen zu geraten, und viel zu oft war sie selbst schuld daran. Wir mussten sie nicht nur einmal von irgendeinem Baum holen, weil sie der festen Überzeugung war, dass die Wachhunde gerade ihr nichts tun würden, weil sie ja so vernarrt in Hunde war, und die Tiere das ja spüren mussten. Tja, sie spürten es nicht. Aber selbst beim dritten Mal war sie immer noch davon überzeugt, dass die lieben Tierchen einfach nur einen schlechten Tag hatten. Warum Shirley dennoch Teil unserer Truppe war? Nun, sie konnte jeden Gegenstand beschaffen, auch wenn ihn ein noch so verwinkeltes Lasernetz schützte. Die Sachen blieben regelrecht an ihren Fingern kleben, als wären sie aus Kaugummi. Das und die Tatsache, dass sie wirklich ständig am Kaugummikauen war, führte dazu, dass wir sie „Bubblegum“ nannten. Sie liebte diesen Namen und stellte sich auch nur mehr mit ihrem Spitznamen vor.
Doch dann passierte etwas, was selbst aus Bubblegums Gesicht das Lächeln verschwinden ließ: Die Saurier griffen an. In dem Chaos, das folgte, war es ein Wunder, dass wir einen Großteil der Gruppe zusammenhalten konnten. Einzig Falcone ging weg, um sich den Sauriern anzuschließen. Da erst wurde mir klar, was für ein Wendehals er war. Er hat sich immer an die Leute gehalten, die ihm die meisten Vorteile brachten. Und für viele Jahre hatte ich zu diesen Leuten gehört. Doch nun waren die Saurier am Ruder, und das war das Zeichen für Falcone seine alten Freunde – falls wir überhaupt jemals so etwas gewesen waren – fallen zu lassen.
Ich jedoch sorgte dafür, dass der Rest von uns mehr oder weniger in Sicherheit war. Als Diebe verfügten wir da ja über ein recht gutes Netzwerk.
Aber ich sah auch das Leid der anderen Enten, und irgendwann konnte ich es nicht mehr ertragen. Ich hatte vom Widerstand gehört und spielte mit dem Gedanken, mich dieser Bewegung anzuschließen. Meine Fähigkeiten würden dort sicher gebraucht werden, dessen war ich mir sicher.
Veronica verbuchte diese Gedanken meinerseits aber als Verrat. Wir stritten immer häufiger. Sie war der Ansicht, dass ich sie und die anderen im Stich lassen würde, wenn ich zu den Widerstandskämpfern ginge. Ich versuchte, ihr zu erklären, dass ich nicht tatenlos dabei zusehen konnte, wie die Saurier unseren Planeten und unser Volk vernichteten, aber sie blieb dabei, dass ich sie verraten würde. Vielleicht lag es daran, dass sie von den Leuten außerhalb unseres kleinen Kreises nie wirklich Gutes erfahren hatte, dass sie mich nicht verstehen konnte, aber mein Entschluss stand fest. Ich verließ die Gruppe, obwohl es mir bis heute wehtut, dass Veronica und ich uns im Streit trennten. Da ich dann ziemlich bald von Canard zu seiner Spezialtruppe geholt wurde, hatte ich auch keine Chance, noch einmal mit ihr zu reden. Außer Falcone habe ich niemanden aus der alten Truppe wiedergesehen.
Tja, und damit wären wir an der Stelle angelangt, von wo an eigentlich alles bekannt ist. Ich muss zugeben, das Leben auf der Erde ist nicht schlecht, aber ich würde trotzdem gerne eines Tages nach Hause zurückkehren. Vor allem, seit Andrea mir erzählt hat, dass mir aufgrund meines Kampfes für Puckworld während der Invasion die neue Regierung totale Amnestie gewährt hat, kann ich es nicht erwarten, als freier Erpel durch die Straßen Puckworlds zu gehen, so wie ich es hier auf der Erde tue.
Nur vor einer Sache habe ich unglaubliche Angst, nämlich davor, meine Mutter wiederzusehen. Einerseits würde ich sie lieber heute als morgen wiedersehen wollen, aber andererseits fürchte ich mich davor, von ihr abgewiesen zu werden. Immerhin habe ich sie damals verlassen. Es war zu ihrem Schutz, aber das heißt nicht, dass sie es verstehen muss. Und ich weiß nicht, ob sie mir jemals vergeben kann. Ich weiß, wie sehr es mir wehgetan hat, von ihr fortzugehen. Wie sehr muss es dann erst sie geschmerzt haben? Aber wenn sie mich tatsächlich fortschicken sollte, werde ich jeden Tag an ihre Tür klopfen und warten, bis sie mich eines Tages als ihren Sohn wieder in ihre Arme schließt.

ENDE

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