Hit the Road, Wing!

Gemütlich joggte Wildwing den kleinen asphaltierten Feldweg entlang. Es war doch eine gute Idee gewesen, mal eine andere Strecke auszuprobieren. Auf seiner alten Strecke war einfach viel zu viel losgewesen. Und hier gab es nur ihn. Er holte tief Luft, sog die frische Morgenluft regelrecht ein und legte etwas an Tempo zu, als er einen Hügel hinauflief. Ja, genauso musste es sein - das Zwitschern der Vögel, die leichte Morgenbrise, das Motorengeräusch.
Moment - Motorengeräusch? Wildwing blieb irritiert stehen.
In diesem Augenblick schoss ein Motorrad über den Hügel. Der Fahrer riss sein Gefährt rasch zur Seite, als er Wildwing entdeckte, und fuhr so in einem knappen Bogen um den junge Erpel herum, ehe das Motorrad mit quietschenden Reifen zum Stehen kam.
Wildwing starrte mit offenem Schnabel zu dem Motorrad.
Der Fahrer nahm gerade den Helm ab, und wie sich herausstellte, war es eine Fahrerin mit langem schwarzen Haar, eine sehr junge noch dazu.
Sie sah Wildwing fragend an. „Alles klar?"
Der Erpel reagierte nicht, starrte sie einfach nur weiter an.
„Ähm, Schnabel zu, es zieht", sagte die junge Entendame.
Erst jetzt wurde Wildwing bewusst, dass er immer noch wie zur Salzsäule erstarrt dastand. Mit einem schnappenden Geräusch machte er den Schnabel zu und holte tief Luft.
„Ob alles klar ist?! Was ist denn das für eine Frage?! Und überhaupt - ist bei dir noch alles klar?! Du kannst doch nicht einfach so in den frühen Morgenstunden über einen Feldweg brettern!", sprudelte es einfach aus ihm heraus, während er die junge Ente weiterhin musterte. „Darfst du das Ding eigentlich schon fahren?!"
„Klar", erwiderte die Fahrerin. „Wenn mich keiner sieht." Sie zwinkerte dem weißen Erpel frech zu. Dieser sah allerdings immer noch recht mürrisch drein.
„Du hättest mich fast übergefahren", sagte Wildwing und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ja, aber nur fast", gab sie zurück. "Keine Sorge, ich kann mit meinem Baby schon umgehen."
„Sicher", schnaubte Wildwing.
Das hatte die junge Entendame natürlich nicht überhört, und für sie klang es verdächtig nach einer Beleidigung. Sie setzte ihren Helm wieder auf, ließ den Motor ihres Motorrades aufheulen, wendete rasch und fuhr dann direkt auf Wildwing zu. Dieser blieb vor Schreck wieder wie angewurzelt stehen. Die junge Entendame wich ihm knapp aus und fuhr ein paar Runden um ihn herum.
„Siehst du? Nur fast", kommentierte sie ihr Tun. Dann bremste sie wieder ab.
„Ich fahre übrigens jeden Morgen hier", erklärte sie dann. "Ich hab also die älteren Rechte."
„Für jemanden, der widerrechtlich hier fährt, spuckst du ganz schön große Töne", gab Wildwing zurück, als er sich wieder aus seiner Starre gelöst hatte.
„Ganz einfach, wenn du mich verpfeifst, ist es das nächste Mal kein Fast-Überfahren mehr", erwiderte sie, dann fuhr sie einfach davon. „Bis die Tage!", rief sie noch, ehe sie davonbrauste.

Die nächsten Tage verliefen ruhig. Wildwing hatte die unbekannte Motorradfahrerin tatsächlich nirgends verpfiffen. Und das - wie er glaubte - aus gutem Grund. Er traute ihr nämlich tatsächlich zu, dass sie ihn überfahren würde, sollte er etwas sagen. Gut, ihr jetziges Motorrad würde man ihr vielleicht abnehmen, aber sie würde sich bestimmt schnell ein anderes besorgen und dann an Wildwing austesten, ob es schnell war als eine Ente. Und das wollte er auf gar keinen Fall.
Also begnügte er sich damit, sie böse anzusehen, wenn sie an ihm vorbeifuhr. Sie hatte nur immer einen solchen Affenzahn drauf, dass sie das wahrscheinlich gar nicht mitbekam.
Und nach einer Woche hatte sich Wildwing tatsächlich daran gewöhnt. Und auch das Motorengeräusch störte ihn nicht mehr so. Immerhin war sie wirklich immer so schnell dran, dass es nur kurz seine morgendlichen Gedankengänge störte. Und irgendwann auch das nicht mehr. Es gehörte einfach dazu. Nach eineinhalb Wochen blieb die junge Entenfrau sogar kurz stehen und rief grinsend: „Na, du guckst ja gar nicht mehr so finster!"
Und nach zwei Wochen winkten sie einander sogar immer zur Begrüßung kurz zu.
Mit anderen Worten: Sie hatten sich arrangiert.

Es waren drei Wochen vergangen, als Wildwing das erste Mal das Motorengeräusch nicht an der gewohnten Stelle hörte, und auch, als er weiterlief, konnte er es nirgends hören. Er sah sich schon regelrecht verwirrt um und blickte von einer Seite zur anderen, um die Motorradfahrerin vielleicht doch irgendwo zu entdecken. Oder hatte sie vielleicht einen Unfall gehabt? Wäre gar nicht mal so abwegig, wenn man bedachte, wie schnell sie immer fuhr.
Erst als er den höchsten Punkt des kleinen Hügels, wo sie ihn bei ihrem ersten Treffen beinahe umgefahren hatte, erreicht hatte, entdeckte er sie.
Sie stand einfach da, lässig an ihr Motorrad gelehnt.
„Na, hast du mich vermisst?", fragte sie grinsend, als er gemütlich auf sie zutrabte.
„Ja, natürlich." Wildwing verdrehte die Augen, blieb dann aber doch stehen. „Ganz ehrlich, ohne Motorenlärm werd ich morgens überhaupt nicht mehr wach."
Die junge Ente kicherte. „Na, wenn das so ist", sagte sie, „dann hast du doch bestimmt nichts dagegen, mich am Samstag bei einem kleinen Ausflug zu begleiten. Ich besorge Essen und einen Helm für dich und dann brausen wir einfach mal schön durch die Gegend."
Wildwing zog eine Augenbraue hoch. „Wieso?"
„Ach, ein kleines Dankeschön, weil du mich nicht verpfiffen hast", sagte sie und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Obwohl ich da durchaus meine Zweifel hatte."
„Du hast gesagt, du überfährst mich sonst."
Sie lachte. „Und das hast du mir abgekauft? Du bist ja echt süß!"
Wildwing funkelte sie böse an.
„He, jetzt guck doch nicht gleich wieder so finster", sagte sie freundlich. „Du bist ja nicht der Erste, der mir Sachen glaubt, die ich gar nicht so meine. Also, bist du dabei?"
Wildwing hätte am liebsten nein gesagt. So was Freches, diese Fremde! Er wusste selbst nicht mal genau, warum die Antwort, die seinen Schnabel verließ, sich eindeutig wie ein Ja anhörte.
„Okey-dokey. Dann Samstag um drei Uhr hier." Sie setzte ihren Helm auf, schwang sich auf ihr Motorrad und startete den Motor.
Sie fuhr gerade los, als Wildwing einfiel, dass er nicht mal ihren Namen kannte.
„He, wie heißt du eigentlich?", rief er ihr hinterher.
Sie blieb kurz stehen. „Ray. Und du?"
„Wildwing."
Sie winkte ihm kurz gu und war auch schon hinter dem Hügel verschwunden.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl im Magen stand Wildwing am nächsten Samstag am Treffpunkt.
Irgendwie konnte er diese Ray gar nicht einschätzen. Aber sie würde ihn schon nicht umbringen. Hoffte er zumindest.
Und da hörte er auch schon das ihm wohlbekannte Geräusch eines sich nähernden Motorrads. Mit quietschenden Reifen blieb Ray vor ihm stehen.
„Hey, du!", sagte sie freundlich, nahm den zweiten Helm von der Haltevorrichtung ihres Motorrads und reichte ihn Wildwing. „Dürfte etwa deine Größe sein."
„Ähm, danke", erwiderte der Erpel und setzte sich etwas zögerlich den Helm auf. „Und jetzt?"
„Was ,und jetzt'?" Ray sah ihn prüfend an. "Du kletterst einfach hinter mich auf das Motorrad und hältst dich richtig gut an mir fest."
„Okay." Wildwing schluckte, tat aber, wie ihm geheißen. Etwas unbeholfen legte er seine Hände auf Rays Hüfte.
„He, ich sagte doch, du sollst dich richtig gut festhalten. Immerhin will ich schnell fahren", sagte Ray. „Und so, wie du dich grade festhältst, müsste ich so fahren, dass uns eine Schnecke überholen kann." Sie packte Wildwings Hände und schlang sie um ihre Hüfte. „So geht das."
„Okay." Wildwing schluckte wieder. Und dann fuhr Ray auch schon los.
Zuerst kniff er einfach die Augen zu und hoffte, dass sie bald da sein würden, aber nach einer Weile öffnete er die Augen, und irgendwie gefiel es ihm sogar, wie ihm der Wind um den Schnabel wehte. Es erinnerte ihn etwas an sein morgendliches Joggen, nur dass er hier nicht selbst laufen musste und noch dazu sehr viel schneller war.
Viel zu schnell für seinen Geschmack hielt Ray an. Vor ihnen befand sich eine kleine Wiese mit einem Weidenbaum und einem kleinen Bänkchen in dessen Schatten.
„Du kannst jetzt loslassen", sagte Ray.
Erst da fiel Wildwing auf, dass er, obwohl er sich aufgerichtet hatte, seine Arme immer noch um Rays Hüfte geschlungen hatte.
„Okay", sagte er bloß, nahm schnell seine Hände weg und kletterte vom Motorrad.
Ray stieg ebenfalls ab, schob dann aber ihr Gefährt in den Schatten des Weidenbaums. Sie holte ein paar Sandwiches und zwei Dosen aus dem Transportfach und warf Wildwing eine Dose zu.
„Keine Angst, nur Cola, kein Alkohol", erklärte sie grinsend. „Eine Gesetzesübertretung pro Tag reicht."
„Okay.“ Wildwing setzte sich zu ihr und griff sich sogleich eines der Sandwiches.
„Und? Und wie war es?", fragte Ray. "Und sag jetzt bitte nicht ,Okay'."
Wildwing biss sich auf die Zunge, denn genau das hatte er sagen wollen. „Es war gar nicht mal so übel", sagte er dann. „Hat richtig Spaß gemacht."
Ray lächelte. „Nicht wahr? Es ist einfach nur toll."
Eine Weile saßen sie schweigend da und aßen ihre Sandwiches.
„Willst du mal selber fahren?"
„Jetzt?" Wildwing starrte sie mit großen Augen an.
„Nein, nicht jetzt", sagte Ray lachend. „Ich lass doch keinen Anfänger mit meinem Baby fahren! Immerhin hab ich sie selbst wieder zusammengeflickt. Ihr Vorbesitzer war echt gemein zu ihr."
Wildwing musste lächeln, als sie so über ihr Motorrad sprach.
„Wann dann?", fragte er schließlich.
„Hmm, also bei mir zu Hause haben wir noch ne ziemlich alte, klapprige Maschine rumstehen. Die könntest du nehmen. Ich zeig dir dann, wie das geht. Das heißt natürlich, wenn es da niemanden gibt, den es stören könnte, wenn dir ein Mädchen Fahrstunden gibt."
Jetzt musste Wildwing erst recht grinsen. „Kann es sein, dass du rausfinden willst, ob ich eine Freundin habe?"
Ray nahm rasch einen Schluck von ihrer Cola. „Vielleicht."
„Okay, dann habe ich vielleicht keine", erwiderte Wildwing immer noch grinsend. „Und dein Angebot nehme ich gerne an."
„Alles klar. Morgen, drei Uhr am gewohnten Treffpunkt?"
Wildwing sah ihr direkt in die Augen. „Ich werde da sein."
Ray erwiderte lächelnd seinen Blick. „Ich ebenso."

Ende

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