Geschwister

Andrea O’Down legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Ihr taten schon sämtliche Knochen weh, aber die 10jährige weigerte sich, den Raum, ja auch nur diese harte Sitzbank zu verlassen. Seit zwei Tagen war sie schon hier. Ihre Tante hatte alles versucht, um sie dazu zu bewegen, sich wenigstens etwas auszuruhen, aber sie hatte eisern durchgehalten.
Ihre Tante… Eigentlich war die Ente mit dem grauen Haarknoten gar nicht ihre wirkliche Tante. Sie war die Großtante ihres Vaters, und Andrea hatte sie immer nur zum Drake DuCaine-Fest gesehen, wenn ihre Familie sie besucht hatte. Aber nun war sie die einzige Verwandte, die Andrea noch hatte – von ihrem kleinen Bruder abgesehen. Und der lag nicht weit entfernt in einem kalten, kahlen Krankenhauszimmer und kämpfte um sein Überleben. Seit zwei Tagen schon. Seit dem Unfall.
Andrea blinzelte die Tränen weg, die ihre Augen sofort füllten, als sie an das dachte, was vor zwei Tagen passiert war. Ihre Eltern waren mit Alec in den Freizeitpark gefahren, ein kleines Geschenk, weil er bei seiner letzten Prüfung so gut abgeschnitten hatte. Das war ja nie selbstverständlich für ihn gewesen. Lernen lag ihm im Gegensatz zu seiner Schwester nicht. Er war mehr der sportliche Typ. Andrea allerdings hatte selbst lernen müssen, deswegen war sie zu Hause geblieben. Natürlich wäre sie viel lieber mitgefahren, vor allem, nachdem Alec sie mit großen Augen zum Mitkommen zu bewegen versucht hatte. Aber die Schule ging vor. Damals zumindest noch. Und dieser Umstand hatte ihr vielleicht das Leben gerettet – es blieb abzuwarten, ob das gut oder schlecht war. Sie machte es davon abhängig, ob ihr Bruder überlebte.
Es gab ihr abermals einen Stich im Herzen, als sie daran dachte, wie die Polizei vor der Tür gestanden und ihr erklärt hatte, dass ihre Eltern einen schweren Unfall gehabt hatten. Ein entgegenkommendes Fahrzeug war in den Wagen ihrer Eltern gekracht. Der Fahrer, ihr Vater und ihre Mutter waren sofort tot gewesen, und ihren Bruder hatte man mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Seither lag er im Koma.
Und seither harrte sie hier aus. Sie hatte nicht geweint, als sie das von ihren Eltern gehört hatte, hatte die Tränen zurückgedrängt, hatte versucht, sich auf ihren Bruder zu konzentrieren. Ihm war nicht geholfen, wenn sie weinte. Im Gegenteil – sie hoffte, dass, wenn sie stark war, er es irgendwie spüren und ebenfalls Kraft daraus schöpfen konnte.
Ihre Tante legte ihr nun eine Hand auf die Schulter, versuchte sich daran, sie aufmunternd anzulächeln, aber sie war den Umgang mit Anderen kaum, den mit Kindern schon überhaupt nicht gewöhnt, weswegen es sehr gezwungen aussah. Andrea starrte sie einfach nur an. Zu mehr war sie nicht in der Lage.
Sicher, sie war ihr dankbar, dass sie sich um sie kümmerte, dass sie sich bemühte, aber diese Ente, die sie mit einem so verkrampften Lächeln ansah, war eine Fremde für sie.
Eine Bewegung an der Tür ließ Andrea sich umwenden. Ein Arzt trat herein und sah ihre Tante an. Diese tätschelte etwas unbeholfen Andreas Schulter, stand dann auf und ging zu ihm. Nach einigen Augenblicken tat Andrea es ihr gleich. Der Arzt klärte ihre Tante über den Gesundheitszustand von Alec auf, er erging sich in allerlei Fachbegriffen, doch Andrea hörte zwei Worte heraus, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließen – gelähmt, Rollstuhl. Erschrocken sah sie den Arzt an, der das allerdings nicht bemerkte, sondern auf die Fragen ihrer Tante einging.
Allerdings war da noch ein Wort gewesen, das sich in Andreas Gedächtnis gegraben hatte – aufgewacht. Und aus diesem Grund ließ sie ihre Tante und den Arzt stehen und trat aus dem Warteraum. Ihre Tante hielt sie nicht zurück.
Vor dem Zimmer ihres Bruders holte sie tief Luft. Es war niemand in der Nähe, keine Schwester, kein Arzt, und das war gut so. Sonst hätte sie vielleicht noch jemand aufzuhalten versucht – versucht, wohl gemerkt, denn sie hätte sich nicht aufhalten lassen.
Sie tat noch einen tiefen Atemzug, ehe sie die Türschnalle hinunterdrückte und das Zimmer betrat.
Sie zuckte kurz zusammen, als sie ihren Bruder dort liegen sah, an etliche Maschinen angeschlossen, die piepsten und blinkten. Doch dann trat sie an das Bett, beugte sich vor und hauchte Alec einen Kuss auf Stirn.
Der kleine Erpel bewegte sich ein wenig, öffnete die Augen.
„Andie!“, sagte er dann. „Da bist du ja.“
„Ja, Alec, da bin ich“, antwortete sie und strich ihm mit der Hand durch seinen braunen Schopf.
„Und wo sind Mum und Dad?“
Andrea erstarrte. „Nicht da“, presste sie hervor.
„Kommen sie später?“
Die junge Entendame überlegte verbissen, was sie ihm sagen sollte, doch mit einem Seufzen entschied sie, dass die Wahrheit wohl das Beste war.
„Nein, Alec, sie kommen auch später nicht. Sie kommen gar nicht mehr.“
Alec sah sie fragend an.
„Weißt du denn noch, was passiert ist?“, fragte seine Schwester.
„Wir waren auf dem Weg in den Freizeitpark, Mum und ich haben das Lied vom Häschen mit dem Knickohr gesungen, und Dad hat gemeint, wir sollten doch ins Radio gehen, denn das Radio könne er abschalten. Aber er hat gelacht. Er hat’s nicht böse gemeint. Doch auf einmal hat es laut gekracht. Dann war es finster.“
„Ihr hattet einen Unfall“, erklärte Andrea. „Du bist schwer verletzt worden. Und Mum und Dad… haben’s nicht geschafft.“
Alec sah sie an, dann schien er zu begreifen, was sie ihm eben gesagt hatte. Ein lautes Schluchzen entkam seinem Schnabel, und Tränen flossen seine Wangen hinab. Und als Andrea das sah, konnte sie die Tränen, die sie bis dahin so tapfer zurückgedrängt hatte, nicht mehr zurückhalten. Auch sie weinte. Endlich. Sie legte ihren Kopf an den Hals ihres Bruders, eine der wenigen Stellen an seinem Körper, die nicht irgendwie an Maschinen angeschlossen war, und das einzig Mögliche, das einer Umarmung in dieser Situation am Nächsten kam.
So weinten die Geschwister zusammen, ließen ihrem Kummer freien Lauf, und irgendwann schlief Alec mit tränennassen Wangen wieder ein.
Doch Andrea verharrte in der Position, auch wenn ihr Rücken schmerzte, aber sie wollte ihrem kleinen Bruder nahe sein, ihn spüren lassen, dass sie da war.
Er hatte noch nicht erfahren, dass er nie wieder würde Eishockey spielen können, was er doch immer so gerne getan hatte. Und als Andrea seinen Atemzügen lauschte, fasste sie einen Entschluss: Wenn er nicht mehr spielen konnte, dann würde sie für ihn spielen. Sicher, sie war nie so gut gewesen wie er, aber sie würde hart trainieren. Sie würde all die Pokale gewinnen, die eigentlich ihm gebührten. Auf dem Eis würde sie er sein. Dafür würde sie kämpfen.
Für ihren Bruder würde sie immer kämpfen – für den Rest ihres Lebens.

Ende

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