Episode 12: Alarm, Sirene!

Der Besitzer des Juweliergeschäfts war gerade dabei, seinen Laden zu schließen. Er wollte eben die Eingangstüre zusperren, als eine junge Frau mit hüftlangen, schwarzen Haaren zum Laden gerannt kam und an die Scheibe der Glastür klopfte.
„Bitte, Sir, helfen Sie mir!“, bat sie. „Lassen Sie mich rein!“
Der Mann stutzte kurz, ließ die Frau dann aber in den Laden.
„Vielen Dank, Sir!“, sagte die Frau erleichtert und trat in den Laden. Sie blieb stehen, sah sich kurz um, wandte sich dann aber wieder an den Ladenbesitzer. „Und wenn Sie jetzt bitte Kameras und Sicherheitssystem ausschalten würden.“ Der Mann trat hinter die Theke, drückte ein paar Knöpfe, und schon erloschen die roten Lichter der zwei Kameras. Die Frau trat nun ebenfalls an die Theke.
„Und nun tun Sie bitte Ihre wertvollsten Stücke hier hinein.“ Sie reichte dem Mann einen Samtbeutel, den dieser sogleich mit allerlei Colliers und Ringen füllte. Bald reichte er ihr den prall gefüllten Beutel wieder.
„Vielen Dank, der Herr“, sagte die Frau grinsend. „Und jetzt vergessen Sie, was soeben passiert ist und dass sie mich jemals gesehen haben. Auf Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen!“, erwiderte der Mann mechanisch, den Blick starr geradeaus gerichtet.
Doch kaum hatte die schwarzhaarige Frau den Laden verlassen, zuckte er kurz zusammen und sah sich verwundert um. Dann erkannte er, dass einige Schmuckstücke fehlten. Rasch drückte er einen Knopf und löste so Alarm aus.
„Hilfe! Hilfe!“, rief er und stürzte auf die Straße. „Ich bin ausgeraubt worden!“

Die Ducks befanden sich gerade auf ihrer abendlichen Kontrollfahrt, als der Alarm losging.
„Ein Einbruch in einem Juweliergeschäft auf der Hauptstraße“, kommentierte Wildwing. „Sehen wir uns das mal an.“ Und mit diesen Worten lenkte er den Migrator in die entsprechende Richtung.
Dort angekommen stellten die Enten fest, dass die Polizei bereits eingetroffen war.
„Das ist ja mal ganz was Neues“, sagte Nosedive. „Cappy vor uns an nem Tatort?! Ich glaub, das ist noch nie passiert.“
Wildwing warf seinem Bruder einen strengen Blick zu, ehe er sich an Captain Klegghorn wandte. „Captain, was ist hier passiert?“
„Ein Clown und ein Einhorn haben eine Zaubershow veranstaltet“, gab dieser ruhig zurück, ehe er brüllte: „Ein Einbruch, was glaubst du denn?“
Wildwing schluckte seine patzige Antwort wieder hinunter. „Und hat man Hinweise auf den Täter?“ „Das Letzte, was die Kameras aufgezeichnet haben, war, wie eine schwarzhaarige Frau den Laden betritt, aber man kann ihr Gesicht nicht sehen. Dann wurden die Kameras abgeschaltet. Der Ladenbesitzer erinnert sich an gar nichts – nicht an die Frau, nicht an den Überfall. Er sagt nur, er wollte den Laden schließen, und auf einmal waren einige wertvolle Schmuckstücke weg.“
Wildwing kratzte sich am Kopf. „Das klingt sehr eigenartig.“
„Was du nicht sagst!“, erwiderte Klegghorn sarkastisch. „Und das Eigenartigste an der ganzen Sache: Als gestern eine Luxusrobe aus dem Atelier eines berühmten Designers gestohlen wurde, konnte sich dieser auch an nichts erinnern.“
Der Teamcaptain der Ducks wandte sich an Tanya, die die ganze Zeit dabei gestanden hatte. „Tanya, was sagst du dazu?“
„Also…ähm…das hört sich irgendwie nach einem Hypnotiseur an“, erklärte die Technikerin.
„Na, großartig!“, rief Klegghorn missmutig aus. „Dann brauch ich ja nur eine Fahndung nach einem Hypnotiseur rauszugeben. Das hilft mir doch ungemein!“ Dann versenkte er die Hände in den Taschen seines Trenchcoats und stapfte davon.

Wenig später saß Tanya im Computerraum. Der Bildschirm von Drake One zeigte das Video der Sicherheitskameras aus dem Juweliergeschäft.
Die Technikerin seufzte, als nur mehr Flimmern auf dem Bildschirm zu sehen war, nachdem die Kameras abgeschaltet worden waren. Dann startete sie das Video wieder von vorne.
Andrea betrat soeben den Computerraum. Sie trug nicht ihren Kampfanzug, sondern Jeans, schwarze Stiefel und ein schwarzes Shirt. Ihre Lederjacke hatte sie über ihren Arm gehängt.
„Und? Irgendetwas Neues?“, fragte die braunhaarige Ente, auf den Bildschirm blickend, warf ihre Jacke auf das Kontrollpult, was ihr einen strengen Blick Tanyas einbrachte, was Andrea aber nicht bemerkte.
„Bis jetzt nicht“, erklärte die blonde Ente dann mit einem Seufzen. „Und ich habe das Video schon fünfzehn Mal angesehen. Das Gesicht der Frau ist nicht zu erkennen. Sie sagt nur irgendwas zu dem Verkäufer, was man nicht hören kann, weil es keine Lautsprecher gibt.“
„Irgendeine Vermutung?“, fragte Andrea weiter.
„Ich schätze, es hat irgendetwas mit ihrer Stimme zu tun. Sie berührt ihn nämlich nicht“, war die Antwort.
Andrea wiegte kurz den Kopf hin und her. „Na ja, das ist doch schon mal was.“ Dann wandte sie sich Tanya direkt zu. „Ich gehe mit Nosedive und Duke ins Kino. Hast du Lust mitzukommen?“
„Danke, aber ich arbeite lieber weiter an dem Video. Vielleicht find ich noch was“, erwiderte Tanya.
Andrea legte kurz eine Hand auf Tanyas Schulter. „Okay, aber mach nicht zu lange, ja?“
Dann ging die Tür des Computerraums auf, und Duke und Nosedive kamen herein. Während Dive sein übliches Alltagsoutfit trug, erschien Duke in schwarzer Hose und burgrundrotem Hemd.
„Können wir los?“, fragte Dive. „Ich will in der letzten Reihe sitzen, und ich möchte mich auch nicht ewig wegen des Popcorns anstellen. Und wer weiß, ob uns die Drehbuchautoren überhaupt den ganzen Film ansehen lassen. Also, losloslos!“ Und schon rannte er voraus.
Andrea musste grinsen, griff dann aber nach ihrer Lederjacke, allerdings fasste ihre Hand ins Leere, denn Duke war ihr zuvorgekommen und hielt ihr die Jacke nun hin, um ihr hineinzuhelfen. Andrea warf ihm einen eigenartigen Blick zu, schlüpfte schnell in die Jacke und murmelte dann etwas, das mit viel Fantasie an ein „Danke!“ erinnern konnte, ehe sie davonging.
Duke sah ihr verwundert nach, dann blickte er zu Tanya, die nur mit den Schultern zuckte.
„Duke, der Film!“, rief da auch schon Nosedive, und der graue Erpel setzte sich nun auch endlich in Bewegung.

Ungefähr zur selben Zeit stand eine gewisse schwarzhaarige Frau vor dem Spiegel und bewunderte ihr Outfit, die edle Robe, das schöne Diadem, das sie trug, die Halsketten, die Ringe. Ihre Hand strich wie beiläufig über einen blutroten Anhänger um ihren Hals.
„Du siehst umwerfend aus, meine Liebe“, sagte da ein Mann und kniete sich mit einem Paar eleganter Highheels vor sie hin.
„Oh, danke“, erwiderte die Frau. „Und wenn du jetzt bitte noch ein Kompliment über meine Füße machen könntest!“ Und mit diesem Worten streckte sie ihm ihren rechten Fuß hin.
„Ich habe in meinem Leben noch nie so vollendete Füße gesehen, diese schlanken Fesseln, diese zierlichen Zehen. Wahrlich, ein Meisterwerk!“ Dann half er ihr in die Schuhe.
Die Frau kicherte. „Ist für morgen alles vorbereitet?“
„Ja, Liebste“, sagte der junge Mann. „Fünfzig Mann stehen für’s Erste bereit. Aber dir werden bestimmt Tausende folgen. Dein Triumphzug morgen wird fürwahr ein Erfolg werden, Helena!“
Helena musterte ihn für einen Moment und brach dann in triumphierendes Gelächter aus.

Am nächsten Morgen hatten sich die sieben Enten in der Küche versammelt und frühstückten. Irgendwie schien die Stimmung gedrückt, denn Andrea schwieg eisern, und Duke warf ihr des Öfteren fragende Blicke zu, die sie geflissentlich ignorierte. Einzig Nosedive plapperte fröhlich über den Film, den sie am Vorabend gesehen hatten.
„Ehrlich, diese Explosion, die war der Wahnsinn!“, erzählte er und breitete die Arme besonders weit aus, um seinen Worten Ausdruck zu verleihen. Dabei schlug er Wildwing fast die Kaffeetasse aus der Hand. Der Teamcaptain warf seinem kleinen Bruder einen genervten Blick zu, aber das bemerkte wiederum Nosedive nicht, sondern erzählte munter weiter.
Andrea stand währenddessen auf und trug ihre Tasse zur Spüle. Duke folgte ihr einfach.
„Sagst du mir jetzt, was los ist oder muss ich raten?“, fragte der graue Erpel und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Kühlschrank.
„Ich weiß nicht, was du meinst“, erklärte Andrea, ohne ihn anzusehen.
„Doch, das weißt du ganz genau“, gab Duke zurück. „Also?“
Andrea seufzte. Es brachte wohl nichts, sich noch weiter dumm zu stellen.
„Du hast mir in die Jacke geholfen“, sagte sie.
„Und?“, fragte Duke. „Das macht ein Gentleman eben.“
„Duke, ich bin kein kleines Kind mehr“, erklärte die braunhaarige Ente. „Ich brauche keine Hilfe beim Anziehen, nur weil ich eine Frau bin, okay?“
Und mit diesen Worten wandte sie sich um und ging davon. Duke sah ihr verwundert hinterher und auch die anderen Enten waren ein bisschen irritiert – von Nosedive mal abgesehen, der gerade eine Verfolgungsjagd detailliert und unter vollem Körpereinsatz nachstellte und nicht einmal bemerkte, dass ihm niemand zuhörte.

Gegen Mittag ging der Alarm los. Die Enten versammelten sich sofort im Computerraum.
„Irgendetwas ist beim Einkaufszentrum los“, erklärte Tanya. „Und für den Fall, dass es unsere neue Freundin mit der Hypnotisierstimme ist, hab ich das hier vorbereitet.“ Sie holte einen Karton unter Drake Ones Kontrollpult hervor und reichte jedem ihrer Teammitglieder Kopfhörer daraus. „Einfach aufsetzen, wenn wir in Reichweite sind“, erklärte sie.
Nosedive seufzte. „Vor Kurzem Sonnenbrillen bei Nacht, heute Kopfhörer. Was kommt als Nächstes? Schnabelklemmen?“
„Wenn du damit meinst, den Schnabel zuzuklemmen, dann würde ich dir das sofort empfehlen“, erwiderte Mallory mit einem bösen Grinsen.
Nosedive warf ihr einen beleidigten Blick zu, setzte seine Kopfhörer auf und ging dann mit einem „Ich kann dich nicht hören!“ in Richtung Migrator davon.

Als sie wenig später das Einkaufszentrum erreichten und aus dem Migrator stiegen, bot sich ihnen ein eigenartiger Anblick. Auf dem Platz zwischen all den Geschäften befand sich eine Art Festwagen. Er war mit allerlei Blumen geschmückt, und auf einem Diwan in seiner Mitte lag eine schwarzhaarige Frau, die etwas zu den Leuten sagte. Nur konnten das unsere Helden natürlich nicht hören, da sie alle ihre Kopfhörer trugen.
In diesem Augenblick rammte allerdings ein Mann, der zu dem Festwagen rannte, Tanya so brutal, dass sie schwankte und hinfiel. Durch die Wucht des Aufpralls rutschten ihr die Kopfhörer von den Ohren, und sie konnte hören, was die Frau sagte.
„…wird mein Triumphzug in einer Stunde beginnen. Ihr habt also noch etwas Zeit mir an dieser Stelle zu huldigen“, sagte sie. „Bringt mir Schmuck, bringt mir Geld, zeigt mir, wie sehr ihr mich verehrt!“
Tanya rappelte sich auf, nahm die Kopfhörer endgültig ab und kratzte sich am Kopf. Irgendwie hatte diese Stimme keine Wirkung auf sie. Sie fühlte nicht im Geringsten den Drang, dieser Frau in irgendeiner Weise zu huldigen. Daher riss sie auch Mallory die Kopfhörer herunter.
„Tanya, spinnst du?“, fragte diese irritiert.
„Ich glaub, sie macht es doch nicht mit ihrer Stimme“, erklärte die Technikerin und deutete auch den Anderen, ihre Kopfhörer abzunehmen. „Jedenfalls hat es auf mich keine Wirkung.“
„Auf mich auch nicht“, sagte da auch Andrea, die den letzten Teil gehört hatte.
„Ja, okay, auf mich auch nicht“, gab Mallory da auch zu.
Doch die vier Erpel gingen, anstatt einer Antwort einfach direkt auf den Festwagen zu.
„He, Jungs, wo wollt ihr hin?“, fragte Tanya, doch es kam keine Antwort. Dann kicherte sie verlegen. „Es könnte natürlich durchaus sein, dass es auch nur eine Wirkung auf Männer hat.“
Mallory und Andrea sahen sie böse an, dann rannte Andrea zu Nosedive und hängte sich einfach mal an seinen Arm. „Bleib stehen, Dive!“ Doch der Erpel ging einfach weiter und zog sie mit sich. Mallory und Tanya rannten ebenfalls hinter den Anderen her und blieben dann vor dem Festwagen stehen.
Als Dive endlich angehalten hatte, ließ Andrea ihn los und sah die Frau zornig an.
„He, du Sirene, hör sofort auf mit dem, was du da tust!“, rief die braunhaarige Ente ihr zu.
„Ja, genau!“, pflichtete Mallory ihr bei. „Gib unsere Freunde wieder frei.“
Tanya nickte bestätigend.
Die Frau sah die drei Entendamen amüsiert an. „Mein Name ist Helena. Und nein, das werde ich nicht tun“, erklärte sie. Dann sah sie zu Grin, Nosedive, Duke und Wildwing und sagte einfach: „Schnappt die drei!“
Nosedive wandte sich auch sogleich Andrea zu und versuchte, sie zu packen. Die Ente duckte sich schnell weg und rannte los.
Auch Mallory und Tanya traten die Flucht an.
„Irgendwelche anderen genialen Ideen, Andrea?“, fragte Mallory, während sie einem Puck auswich, den Wildwing nach ihr abgefeuert hatte. „Also, außer diese Irre mit Worten zum Aufgeben zu zwingen.“
„Ich halte einen taktischen Rückzug für das Beste“, erklärte Andrea. „Sehen wir zu, dass wir ein bisschen Abstand zwischen uns und die vier bringen und so Zeit gewinnen, um uns was auszudenken. Trennen wir uns, so können wir sie leichter abhängen. Wir treffen uns in fünfzehn Minuten vor Captain Comic’s!“
Die beiden Anderen nickten und rannten dann in andere Richtungen weiter.
Andrea bog in eine Seitengasse ein, sie sah nur rasch über die Schulter, um festzustellen, dass Duke ihr gefolgt war. Schnell betätigte sie ihren Kletterhaken und kletterte die Mauer des Gebäudes hoch. Duke tat es ihr gleich. Doch sie hatte noch kaum die Hälfte des Gebäudes erklommen, als sie innehielt. Duke war noch nicht weit vom Boden entfernt. Sie seufzte.
„Sorry, Duke!“, sagte sie dann, ließ die Eisenkrallen an ihrer rechten Hand hervorschnellen und schnitt rasch Dukes Seil durch. Sie sah zu, wie er mit einem dumpfen Klang auf dem Boden aufschlug und regungslos liegen blieb.
„Hoffentlich hast du dir nicht allzu weh getan“, murmelte Andrea, ehe sie weiterkletterte und zum Treffpunkt eilte.
Mallory jedoch sah sich gleich zwei Erpeln gegenüber, nämlich Nosedive und Grin.
„Na, ganz toll“, stieß sie hervor. „Ich hab aber auch immer ein Glück!“
Sie bog schnell um die Ecke eines Gebäudes und sah sich auf einmal einem Stapel von Kisten gegenüber, dem sie gerade noch so mit einem Hechtsprung zur Seite ausweichen konnte.
Geistesgegenwärtig drehte sie sich aber im Sprung, schnappte ihre Puckkanone und feuerte ein paar Pucks auf den Stapel ab, so dass dieser umfiel. Mit einer Rolle vorwärts brachte sie noch etwas Abstand zwischen sich und die Kisten, sprang wieder auf und rannte weiter. Einem genervten Aufschrei Nosedives entnahm sie, dass ihr Plan, den beiden mit den Kisten den Weg zu versperren, funktioniert hatte, und rannte weiter.
Tanya jedoch hatte ein paar Schwierigkeiten, Wildwing abzuhängen, denn erstens war er nun mal schneller als sie und hatte sie bald gegen den Maschendrahtzaun eines Lagerhauses gedrängt, und zweitens konnte sie sich einfach nicht überwinden, auf ihn zu schießen.
„Also, ko…komm schon, Wildwing“, begann sie, „ich bin’s doch, Tanya!“
Wildwing holte gerade zum Schlag aus, die Technikerin schaffte es gerade so, sich wegzuducken. Doch der weiße Erpel hatte wohl eine solche Kraft in seinen Schlag gelegt, dass er sich irgendwie mit seinem Handschuh in dem Zaun verhedderte. Verzweifelt versuchte er, sich wieder loszureißen. Das war Tanyas Chance, und die blonde Ente sah zu, dass sie weiterkam.
„Ähm, viel Glück noch mit dieser…ähm… Maschendrahtsache“, sagte sie noch zu Wing, der weiterhin versuchte, sich zu befreien, und rannte dann zum Treffpunkt.

Atemlos kam sie vor Captain Comic’s zu stehen, wo Mallory und Andrea bereits auf sie warteten. „Und? Wie viel Zeit hast du rausgeholt?“, fragte Mallory.
„Nicht allzu viel“, erklärte Tanya. „Aber für eine kurze Lagebesprechung reicht es.“
Andrea nickte. „Also, was wissen wir?“
„Diese Tante kann mit ihrer Stimme irgendwie männliche Wesen beeinflussen“, antwortete Mallory.
„Ich schätze, dass sie dazu irgendein Gerät verwendet“, erklärte Tanya.
„Und wie könnte dieses Gerät aussehen?“, fragte Andrea weiter.
„Ich…ich habe keine Ahnung“, gestand Tanya.
„Und jetzt?“ Andrea legte die Stirn in Falten. „Das hilft uns nicht weiter.“
„Ich schätze, wir werden die Maske brauchen“, sagte die Technikerin. „Es wird nur nicht so leicht werden, sie sich zu beschaffen.“
„Da dürftest du Recht haben“, erwiderte Andrea. „Aber ich glaube, ich habe da eine Idee.“

Mit einem letzten Ruck schaffte Wildwing es endlich, seine Hand aus dem Zaun zu befreien. Er sah sich um. Es war ihm befohlen worden, diese drei weiblichen Enten zu fangen. Irgendwo hier mussten sie doch sein.
Auf einmal ertönte ein Pfiff, und er sah nicht weit entfernt diese blonde Ente stehen, um derentwillen er sich in diesem Zaun verheddert hatte. Sofort setzte er sich in Bewegung. Doch noch ehe er sie erreicht hatte, spürte er, wie sich etwas um seine Beine schlang und ihn zu Fall brachte. Mallory hatte einen Fesselpuck auf ihn abgefeuert. Schnell rannte Andrea aus ihrem Versteck zu ihm, riss ihm die Maske vom Gesicht und rannte weiter.
„Beeilung, Mädels!“, rief sie. „Sehen wir zu, dass wir Land gewinnen!“
„Ist ja bloß gut, dass sie nicht besonders schlau sind, wenn sie unter Hypnose stehen“, bemerkte Tanya noch, ehe sie den beiden anderen folgte.
In einer Seitengasse hielten sie kurz inne.
„Und nun?“, fragte Andrea und hielt die Maske hoch. „Irgendjemand wird sie aufsetzen müssen.“
„Ja, du“, erwiderte Mallory.
„Ich?“, fragte Andrea ungläubig. „Wieso ausgerechnet ich?“
„Also, erstens hattest du als Einzige von uns noch nicht das Vergnügen, die Maske zu tragen. Für die Folge ‚Zwei ungleiche Aliens‘ warst du noch nicht gecastet. Und zweitens brauchen wir jemanden, der sich an diese Sirene ranschleichen kann. Und das kannst du von uns dreien am Besten.“
Und schon gingen die beiden weiter.
„He, darf ich auch was dazu sagen?“, fragte Andrea.
„Nein!“, war die einstimmige Antwort.
„Und jetzt setz die Maske auf und komm mit!“, befahl Mallory.
„Und ich dachte immer, die Ente mit der Maske hat das Sagen“, maulte Andrea, setzte sich die Maske auf und lief hinter den beiden her.

Andrea kauerte auf dem Dach eines Gebäudes und sah auf den Festwagen hinab. Gerade fuhren ein paar Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirenen heran. Klegghorn sprang aus einem Wagen und stürmte auf den Festwagen zu.
„Was soll das hier?“, fragte er. „Haben Sie überhaupt eine Genehmigung dafür?“
„Nein“, erwiderte Helena. „Aber die brauch ich auch nicht, oder?“
Klegghorn erstarrte und sah die schwarzhaarige Frau einfach nur an. „Nein“, stammelte er. „Eine so wunderschöne Frau braucht das selbstverständlich nicht.“
Helena lachte einfach nur auf diese Bemerkung hin.
Währenddessen scannte Andrea sie mit der Maske.
„Okay, irgendein eigenartiges Energiemuster geht vom Anhänger einer ihrer Halsketten aus“, sagte sie über Funk zu Mallory und Tanya. „Startet mal mit dem Ablenkungsmanöver, damit ich näher rankomme.“
„Zu Befehl, Boss“, erwiderte Mallory.
„Lass den Blödsinn“, seufzte Andrea.
„Okay, Boss.“
Andrea seufzte wieder.
Dann wurden ein paar Nebelpucks auf den Festwagen abgefeuert, und bald war der Platz in Nebel gehüllt und der schönste Tumult ausgebrochen.
„Fasst die Eindringlinge!“, rief Helena verzweifelt und versuchte, die Angreifer in dem Nebel zu erkennen.
Andrea nutzte das Chaos, kletterte von dem Gebäude und rannte auf den Festwagen zu. Dabei rannte sie Klegghorn beinahe um, der immer noch dastand und vor sich hin starrte.
„Sie ist so schön“, murmelte er versonnen, obwohl vor ihm nur Nebelschwaden zu erkennen waren. Andrea klopfte ihm nur kurz aufmunternd auf die Schulter und rannte dann weiter. Bald hatte sie den Festwagen erreicht und erklomm ihn behände.
Helena bemerkte die Bewegung und kam auf Andrea zu. Der Nebel lichtete sich ein wenig, und sie erkannte eine der Enten, die sie vorhin schon verjagt hatte.
„Oh, trägst du ein neues Accessoire?“, fragte Helena böse grinsend. „Würde ich auch tun bei deiner Visage!“
Andrea verdrehte bloß die Augen, was man aber nicht sehen konnte, da durch die Maske ihre Augen komplett rot waren.
„Na, ich werde dir mal eines deiner Lieblingsaccessoires abnehmen“, sagte sie dann zu Helena und rannte auf sie zu. Sie versuchte, den roten Anhänger zu packen, doch Helena wich ihr aus und verpasste ihr einen Schlag, so dass Andrea für einen kurzen Moment taumelte.
„Hilfe!“, schrie Helena. „Ich werde angegriffen!“
Andrea wollte sich ihr gerade zuwenden, als sie sah, wie drei Gestalten ebenfalls auf den Festwagen kletterten. Sie schluckte hörbar, als sie in diesen drei Gestalten Wildwing, Nosedive und Grin erkannte.
Nosedive richtete seine Puckkanone auf die braunhaarige Ente, und Andrea wich ein paar Schritte zurück. Helena sah sie mit einem triumphierenden Lächeln an.
Doch dann duckte sich Andrea rasch und zog Helena mit einem Beinfeger die Füße weg. Unsanft landete die Frau auf dem Rücken. Ihren Moment der Überraschung nutzte Andrea und riss ihr den roten Anhänger vom Hals, warf ihn zu Boden und trat mit dem Fuß darauf. Mit einem metallischen Klirren zerbarst der Anhänger in tausend Stücke.
Die drei Erpel hielten inne, schüttelten die Köpfe und sahen sich verwundert um.
„Was ist passiert?“, fragte Wildwing.
„Erklär ich dir später“, antwortete Andrea, zog Helena auf die Füße und zerrte sie vom Festwagen zu Klegghorn, der immer noch an derselben Stelle stand, auch wenn er sich jetzt etwas verdutzt umsah. „Hier, Captain“, erklärte die braunhaarige Ente. „Diese Dame ist für die Überfälle verantwortlich und hat auch diesen Tumult hier verursacht.“
„Dann kommt sie mit auf’s Revier“, sagte er und legte Helena Handschellen an.
„Wie kannst du es wagen!“, rief die Frau empört. „Ich bin die schönste Frau auf Erden! Alle Männer dieser Welt haben mir zu Füßen zu liegen! Ich bin eine Königin!“
„Aber ich bringe Euch doch nur zu Eurer königlichen Kutsche!“, erwiderte Klegghorn und beförderte Helena in einen Polizeiwagen.
Wildwing, Grin und Nosedive sprangen gerade vom Festwagen und kamen auf Andrea zu. Auch Duke stieß aus einer anderen Richtung zu ihnen. Er rieb sich den Nacken und sah sich verwundert um.
Andrea reichte Wildwing seine Maske mit den Worten: „Hier, steht dir sowieso viel besser als mir!“ Dann ging sie zu Mallory und Tanya und klatschte mit den beiden ab.
Wildwing sah irritiert auf die Maske, dann zu den drei Entendamen. „Sagt mir jetzt irgendjemand, was hier passiert ist?“

Die sieben Enten hatten sich im Computerraum versammelt. Alle trugen Freizeitkleidung. Auf dem Bildschirm von Drake One war Klegghorn zu sehen.
„Wie es aussieht, hat Miss Helen Lakefield, wie sie mit richtigem Namen heißt, dieses tolle Gerät entworfen, mit dem sie Männer mit ihrer Stimme kontrollieren kann. Offensichtlich wollte sie sich damit die Aufmerksamkeit holen, die ihr gefehlt hat“, erklärte Klegghorn. „Scheinbar haben sich immer alle nur für ihre Arbeit interessiert. Sie ist eine ausgezeichnete Wissenschaftlerin, irgendwas mit Mikrotechnologie. So konnte sie auch diesen Anhänger entwickeln. Na ja, für’s Erste wird sie mal nicht so schnell aus dem Gefängnis kommen. Also, bis demnächst, ihr Federvieh! Schönen Abend noch!“ Und der Bildschirm wurde schwarz.
„Ja, haben wir doch gerne gemacht, Captain!“, kicherte Andrea. Dann streckte sie sich. „Okay, auf ins Kino, Leute!“
„Ja, jetzt seht ihr auch endlich diesen tollen Film!“, rief Nosedive und schob seinen Bruder und Grin in Richtung Migrator davon. Mallory und Tanya folgten lachend.
Andrea wollte eben nach ihrer Jacke greifen, aber Duke war ihr zuvorgekommen. Das war bei ihm ein Reflex. Gerade wollte er ihr wieder in die Jacke helfen, als ihm einfiel, was er da tat. Schnell hielt er Andrea die Jacke hin. „Hier.“
Andrea lächelte. „Na, los, hilf mir schon in die Jacke, wenn du unbedingt willst“, sagte sie lachend. „Du meinst es ja nicht böse.“
Mit einem Lächeln tat Duke wie ihm geheißen.
„Aber übertreib’s nicht!“, sagte Andrea, als sie sich ebenfalls auf dem Weg zum Migrator machte. „Wehe, du hältst mir auch noch die Tür auf!“
„Ich werd mich hüten!“, erwiderte Duke und folgte ihr dann lachend.

Ende der zwölften Episode

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