Episode 10: Verkehrte Welt

Mit unglaublicher Geschwindigkeit raste der Wagen durch die Straßen von Anaheim. Und nicht weit hinter ihm folgte der offensichtliche Grund für seine Eile – drei Ducks-Motorräder.
„Gleich haben wir ihn!“, rief Mallory.
„Tanya, wohin kann er noch ausweichen?“, fragte Wildwing über Funk die Technikerin.
„Laut Drake One hat er nicht mehr viele Ausweichmöglichkeiten“, war die Antwort. „Er wird höchstwahrscheinlich auf der Hauptstraße bleiben.
„Alles klar!“, rief Nosedive und gab noch einmal extra Gas.
Doch auf einmal war ein Krachen zu hören. Wildwings Motorrad fing zu schlingern an.
„Was ist denn nun kaputt?“, fragte Nosedive und wollte schon bremsen.
„Nein, ihr fahrt weiter!“, befahl der Teamcaptain. „Schnappt euch diese Bankräuber. Ich komm schon klar.“
Mallory und Nosedive taten, wie ihnen geheißen, und rasten weiter.
Wildwing jedoch kämpfte mit seinem Motorrad. Er schaffte es noch, die Geschwindigkeit etwas zu reduzieren, dann rutschte das Gefährt seitlich weg.
Wildwing aktivierte seinen Eisschild, um den ärgsten Aufprall abzufangen. Er spürte noch, wie er auf den Asphalt aufschlug, dann wurde es schwarz.

Als er die Augen wieder öffnete, war zuerst alles verschwommen. Wildwing fasste sich an den Kopf. Dieser tat ihm nämlich furchtbar weh. Der Erpel stöhnte auf, als er sich aufsetzte, aber dass er das zumindest konnte, war ein gutes Zeichen. Als seine Sicht wieder klar war, sah er sich um. Das Motorrad lag ein paar Meter entfernt – oder zumindest das, was davon übrig war, das konnte er gerade noch erkennen. Wildwing seufzte. Er wollte sein Funkgerät starten, doch es schien bei dem Sturz Schaden genommen zu haben. Ein weiteres Seufzen. Dann musste er eben zu Fuß gehen. Langsam stand er auf. Okay, das ging schon mal. Er hatte zwar leichte Schmerzen, aber es war nicht tragisch. Also machte er sich auf den Weg ins Hauptquartier.

Dort angekommen sah er zuerst Andrea die beim Eingang des Stadions an der Außenwand lehnte. Die braunhaarige Ente zog genüsslich an einer Zigarette und grinste, als sie ihn entdeckte. Langsam blies sie den Rauch wieder aus.
„Na, hast du’s auch wieder her geschafft?“, fragte sie kokett. „Wir dachten schon, wir müssten losziehen, um uns die Maske zu holen.“ Sie nahm wieder einen Zug. „Duke und Nosedive haben sich ziemlich in die Wolle gekriegt deswegen. Aber sie wissen ja, solange du lebst, gibst du die Maske nicht her.“
Wildwing konnte ihren Worten nur bedingt folgen. Immer wieder starrte er auf den Glimmstängel. „Seit wann…?“
„Ach, irgendwo muss ich ja rauchen!“, fiel Andrea ihm ins Wort. „Und hier draußen stört das ja keinen. Sonst bin ich heut Abend wieder ganz zittrig, und das wäre weniger gut.“ Sie lächelte ihn wieder an.
Wildwing nickte bloß. Er hatte keine Ahnung, was hier los war. Aber andererseits, so lange kannte er Andrea ja nun auch wieder nicht. Es konnte durchaus sein, dass sie schon immer geraucht hatte – auch wenn ihn das doch etwas wunderte.
Schweigend ging er weiter in Richtung Umkleidekabinen.
Als er an der Eisfläche vorbei ging, sah er seine Spiegelung im Plexiglas über der Bande – und blieb überrascht stehen. Da war nicht der gewohnte goldene Fleck zu sehen, den er sonst immer wahrnahm, wenn er die Maske trug. Hatte er die Maske etwa doch verloren? Er rückte näher zum Plexiglas und fasste gleichzeitig an seinen Kopf. Nein, die Maske war da. Aber der Fleck im Plexiglas war dunkel, nicht golden.
Er eilte zur Umkleidekabine und ging zu seinem Spind. Schnell machte er das Schloss auf, riss die Tür auf, sah in den kleinen Spiegel, den er an der Innenseite befestigt hatte – und erstarrte. Ja, er trug die Maske noch, aber die Maske in seinem Gesicht war nicht golden, sie war metallisch-grau, und an den Seiten befanden sich kleine Stachel. Ungläubig fasste er noch mal in sein Gesicht, aber die Maske blieb grau.
Langsam ging er zum Aufzug, in dem er bald nach unten fuhr.
Noch immer etwas verwirrt betrat er den Gemeinschaftsraum. Er sah Mallory, Nosedive und Duke auf der Couch sitzen.
„Seht ihr!“, rief Mallory, als sie ihn sah. „Ich hab euch das gesagt, dass er das schafft.“ Die rothaarige Ente sprang auf und rannte zu Wildwing, dem sie gleich darauf um den Hals fiel. Das verwirrte den armen Erpel nur noch mehr.
Nosedive erhob sich auch langsam. „Ja, ist ja schon gut, Mallory“, maulte er. „Wir haben gesehen, dass du dein Herzblatt wieder hast.“ Er ging an Wildwing vorbei, an den sich Mallory immer noch klammerte. „Tja, da bist du also wieder, Bruder“, sagte er. „Das heißt, ich werde noch etwas auf die Maske warten müssen.“ Und schon ging er weiter.
„Pah, als würdest du die Maske jemals lange halten können!“, warf Duke ein und verließ hinter Nosedive den Gemeinschaftsraum. Statt einer Begrüßung warf er dem Teamcaptain nur einen abschätzigen Blick zu, als er diesen passierte.
Auch Mallory bemerkte diesen Blick und verstärkte ihren Griff, während sie Duke kalt ansah.
Als die beiden den Gemeinschaftsraum verlassen hatten, sah die rothaarige Ente Wildwing wieder direkt an. „Ich hab mir solche Sorgen gemacht“, sagte sie und rückte noch näher an den Erpel. Ihr Schnabel näherte sich langsam seinem… Blitzartig zuckte Wildwing zurück. „Was…?“
Mallory sah ihn überrascht an. Doch dann lächelte sie. „Ach so, verstehe. Du willst dich natürlich erst mal ausruhen. Kein Wunder nach diesem Sturz.“ Dann streichelte sie fürsorglich mit der Hand über seine Wange, drückte ihm einen schnellen Kuss auf die selbige und ging davon.
Wildwing sah ihr mehr als verwirrt nach.

Irgendwann machte er sich dann doch auf den Weg in sein Zimmer. Dort setzte er sich erst mal auf sein Bett, nahm die Maske ab und sah sie an. Er hatte sich nicht getäuscht. Sie war metallisch-grau mit Stacheln an den Seiten. Und auch, als sie sich nach kurzer Zeit in eine normale Goalie-Maske zurückverwandelte, sah sie irgendwie anders aus – kantiger, gefährlicher.
Seufzend legte er die Maske neben sich auf das Bett. Er stützte den Kopfe in die Hände und ließ das Erlebte Revue passieren – Andrea rauchte, Nosedive und Duke waren eher enttäuscht, dass er seinen Sturz heil überstanden hatte, und mit Mallory verband ihn offensichtlich auf einmal mehr als Freundschaft. Wie fest hatte er sich den Kopf geschlagen?
Abermals seufzte er. Vielleicht sollte er erst mal eine Runde schlafen. Dann sah die Welt bestimmt wieder ganz anders aus.

Mitten in der Nacht wurde er durch das Klingeln an der Tür zu seinem Zimmer geweckt.
Langsam erhob er sich und schlurfte zur Tür. Es war Tanya.
„Kommst du?“, fragte die Technikerin ohne eine Begrüßung. „Andrea, Duke und Grin sind zurück.“
Wildwing konnte sich nicht helfen, aber sahen Tanyas Haare tatsächlich noch wirrer aus als sonst? Er holte die Maske und setzte sie sich auf. Sie verwandelte sich sogleich wieder in ihre graue Form. Dann folgte er Tanya in den Gemeinschaftsraum. In diesem hatten sich bereits Nosedive und Mallory versammelt. Die rothaarige Ente trat sofort an Wildwings Seite, als er sich zu ihnen stellte. Und wenig später betraten auch schon Grin, Duke und Andrea den Gemeinschaftsraum. Andrea und Duke gingen voran, während Grin hinter ihnen zwei Säcke geschultert hatte.
„Ist gelaufen wie am Schnürchen“, erklärte Andrea selbstbewusst grinsend.
„Ja“, bestätigte Duke. „Und wir wären eher wieder hier gewesen, wenn Madame nicht zwei Rauchpausen hätte einlegen müssen.“ Er grinste Andrea fies an.
„Ach, hör doch auf!“, gab Andrea lachend zurück und knuffte Duke in die Seite. Grin stellte einen Sack direkt vor Wildwings Füße, den anderen in die Mitte der Runde.
„Ja, diese Idioten von der Bank werden morgen sicher blöd aus der Wäsche gucken“, sagte er und lachte heiser. „Aber das kommt davon, wenn man sein Sicherheitssystem nicht von Andrea oder Duke testen lässt.“
„Ja, das Geld sollte ihnen ihre Sicherheit schon wert sein“, lachte Duke.
Wildwing starrte zuerst den Sack erschrocken an, dann Grin, dann wieder den Sack.
„Ich hoffe, ihr habt keine Spuren hinterlassen“, sagte Tanya und musterte die drei mit verschränkten Armen.
„Ach, komm schon, Tanya“, gab Andrea zurück. „Tun wir das jemals?“
Tanya nickte zufrieden, trat zu dem Sack in der Mitte, öffnete ihn und nahm einen Armvoll Geldscheinbündel heraus und spazierte davon. Nosedive tat es ihr gleich, und auch Grin bediente sich an dem Geld.
Andrea wollte gerade nach ihrem Anteil greifen, als Duke sich ebenfalls zu dem Geldsack hinunterneigte und sie anlächelte. „Wollen wir das vielleicht in deinem Zimmer aufteilen?“
Andrea erwiderte sein Lächeln zuckersüß, packte dann den Geldsack und schüttete einen Teil seines Inhalts über Duke. Dann warf sie sich den Sack über die Schulter.
„Eher nicht“, sagte sie immer noch mit diesem zuckersüßen Lächeln im Gesicht und ging davon.
Duke sah ihr nach, zuckte mit den Schultern und raffte dann seinen Anteil zusammen, ehe auch er verschwand.
Die restlichen Geldbündel nahm Mallory an sich, zwinkerte Wildwing zu und ging dann ebenfalls.

Am nächsten Morgen ging Wildwing mit etwas gemischten Gefühlen zum Frühstück. Würde wieder alles normal sein? Doch kaum hatte er die Küche betreten und die anderen Enten, die alle schon versammelt waren, begrüßt, da war auch ein lautes Klingeln zu hören.
„Das ist Klegghorn“, sagte Tanya, nachdem sie einen Knopf auf ihrem Funkgerät gedrückt hatte, und erhob sich.
Wildwing nickte ihr zu. „Gut, dann gehen wir ihn mal begrüßen.“

Wenig später waren alle Enten neben der Eisfläche versammelt. Klegghorn hatte sich vor ihnen aufgebaut.
„Und stellt euch das vor!“, sagte er aufgebracht. „Die Bank komplett ausgeräumt!“ Er rang mit den Händen. „Und natürlich gibt es wieder überhaupt keine Beweise. Das können also nur diese miesen Saurier gewesen sein.“
Wildwing sah Klegghorn an. Er konnte gerade noch ein Schmunzeln unterdrücken. Offensichtlich war das alles gestern doch nur ein Traum gewesen, weil er sich bei seinem Motorradsturz den Kopf zu stark gestoßen hatte.
„Keine Angst, Captain“, sagte er ruhig. „Wir tun unser Bestes, um sie dingfest zu machen.“
„Okay, aber ich will nicht wieder Ausreden hören, dass ihr wegen den Teleportern so schlecht abschätzen könnt, wo sie zuschlagen. Ich will Resultate sehen!“ Klegghorns Stimme wurde schon fast drohend. Dann drehte er sich grußlos um. „Tut gefälligst was für euer Geld!“ Die Hände in seinem Trenchcoat vergraben, stapfte er davon.
Wildwing und die anderen sechs Enten gingen zurück zum Aufzug.
„Gut gespielt, Wildwing“, sagte Duke.
„Ach was!“, protestierte Nosedive. „Wir schieben diesen Dummschuppen doch schon ewig unsere Einbrüche in die nicht vorhandenen Schuhe. Irgendwann wird Klegghorn Verdacht schöpfen.“
„Blödsinn!“ Mallory war sofort an Wildwings Seite und hängte sich an seinen Arm. „Wildwing macht das ganz toll. Dieser Donut mampfende Zwerg wird uns nie auf die Schliche kommen. Wildwing ist doch nicht umsonst unser Anführer!“ Sie warf Nosedive regelrecht einen vernichtenden Blick zu, den der blonde Erpel jedoch geflissentlich ignorierte.
Wildwing war froh, dass er die Maske trug, sonst hätten die Anderen gesehen, wie ihm die Gesichtszüge entglitten.

Die nächsten Stunden brachte er damit zu, sich zu überlegen, was er tun sollte. Irgendetwas war hier offensichtlich ganz furchtbar verdreht. Wo war er nur gelandet? Und vor allem: Wie kam er hier wieder weg?
Noch ganz in diese Gedanken versunken hörte er, wie es an seiner Tür klingelte. Er schlurfte zur Tür und öffnete. Es war Mallory.
„Also wirklich!“, sagte die rothaarige Ente und stapfte einfach an ihm vorbei ins Zimmer, wo sie sich, die Hände in die Hüften gestemmt, hinstellte. Wildwing sah sie verwirrt an, während sich die Tür gerade wieder schloss.
„Wie kannst du mich nur so vernachlässigen?!“, schimpfte Mallory. „Gut, du hast einen schlimmen Sturz hinter dir, aber du hast schon schlimmere Sachen durchgestanden, ohne mich so lange warten zu lassen. Immerhin bin ich doch deine Verlobte!“
Wildwing blinzelte ein paar Mal ungläubig.
Mallory schnaubte. „Dein Sturz war wohl schlimmer als gedacht! Es kann ja nicht sein, dass du wirklich das hier vergessen hast!“ Und mit diesen Worten hielt sie ihre rechte Hand hoch, an deren Mittelfinger sich ein Silberring mit einem violettfarbenem Stein befand.
Wildwing fiel der untere Teil des Schnabels hinunter. Wie bitte?
„Ach, Wildwing!“ Mallory war nun nicht mehr wütend, sondern eher den Tränen nahe. „Was ist nur los mit dir?“
In ihren Augen schimmerten die ersten Tränen. Wildwing wusste nicht, was er tun sollte, aber so viel war klar. Irgendetwas musste er tun. Langsam trat er zu Mallory.
„Mallory, es tut mir Leid“, sagte er. „Ich muss… ich muss nur mal meine Gedanken aussortieren, der Sturz hat mich ein bisschen nachdenklich gemacht.“ Er legte eine Hand auf ihre Schulter. „Ich meine, so was könnte jederzeit wieder passieren, das nächste Mal vielleicht sogar dir.“
Mallory sah ihn. „Es hat also nichts damit zu tun, dass du genug von mir hast?“
„Nein, wie könnte ich?“ Wildwing zwang sich zu einem Lächeln, das Mallory sofort erwiderte.
Dann kam ihr Schnabel dem seinen wieder sehr nahe, und noch ehe der weiße Erpel reagieren könnte, küsste Mallory ihn. Zuerst war er einfach nur überrascht, doch dann – er wusste selbst nicht, warum – erwiderte er den Kuss. Erst als Mallory den Kuss vertiefen wollte, ließ er langsam, aber bestimmt von ihr ab. Mallory sah ihn ein bisschen verwirrt an, aber er lächelte sie an.
„Du willst deine Ruhe?“, fragte sie, ohne auch nur zu versuchen, die Enttäuschung in ihrer Stimme zu verbergen.
„Entschuldige“, antwortete Wildwing. „Ich mach’s wieder gut.“
Mallory lächelte. „Das will ich hoffen.“ Dann gab sie ihm noch einen schnellen Kuss und ging.
Wildwing sah ihr nach und sank dann mit einem Seufzen auf’s Sofa.

Bis zum Abend hatte er zumindest eine ungefähre Idee, was er tun konnte. Wenn diese Welt so verdreht war, wie er dachte, dann musste er wohl oder übel zu jenen gehen, die sonst seine Feinde waren – mit anderen Worten die Saurier. Nur hatte er leider keine Ahnung, wie er sie finden sollte. Also schlich er mitten in der Nacht in den Computerraum und suchte über Drake One ihre letzten Aufenthaltsorte. Dann suchte er genau diese Orte auf. Die Maske hatte er vorsichtshalber in seinem Zimmer versteckt. Er wollte weder dass seine Teamkameraden noch die Saurier sie in die Finger bekamen.
Aber er hatte nicht bedacht, dass es ohne die Maske wohl sehr schwer werden würde, die Saurier zu finden. So lief er nur ziellos herum, ohne zu wissen, wonach er suchte.
Er wollte schon resigniert aufgeben, als er hinter sich, das unverkennbare Geräusch eines Teleporters hörte.
„Sieh an, sieh an!“, sagte Siege. „Wenn das nicht der furchtlose Anführer der Ducks ist?“
„Und so allein!“, sagte Wraith neben ihm.
Dann erschien auch noch Chameleon in Gestalt eines alten Lehrers mit Hornbrille. „Haben dir deine Eltern nicht beigebracht, dass es gefährlich ist, so alleine draußen herumzulaufen?“ Mahnend fuchtelte er ein paar Mal mit dem Zeigefinger herum, ehe er sich in seine normale Gestalt zurückverwandelte.
Wildwing konnte sich nicht helfen, aber er fand keinen großen Unterschied zu den Echsen, mit denen er sonst zu tun hatte.
„Ich bin alleine hier, weil ich mich euch reden muss“, sagte er ruhig.
Ein Lachen der drei Saurier war die Folge.
„Oh ja, natürlich!“, spottete Siege. „Und wo sind deine Freunde? Die haben sich doch bestimmt hier ganz in der Nähe versteckt. Hol sie raus, damit wir uns unser übliches Geplänkel liefern können.“
„Es ist niemand hier!“, versicherte Wildwing wieder. „Ich wollte mit euch reden.“
Die Saurier sahen sich kurz an, lachten dann aber wieder.
„Na, dann werden wir sie eben aus der Reserve locken müssen“, sagte Wraith und schleuderte einen Feuerball nach Wildwing, dem dieser aber geschickt auswich. Siege holte seinen Laser hervor und eröffnete ebenfalls das Feuer. Wieder begnügte Wildwing sich mit Ausweichen.
Nach einer Weile stellte Siege seine Laserattacke ein. Die drei Saurier sahen sich verdutzt an.
Dann trat Siege näher zu Wildwing Er sah sich um. Offensichtlich erwartete er, dass jeden Augenblick die anderen Ducks aus ihrem Versteck stürmen würden, doch nichts dergleichen geschah. Er sah wieder kurz zu seinen Teamkollegen. Doch dann trat er zu Wildwing und packte ihn an den Schultern. Wenn das die anderen Enten nicht aus der Reserve lockte, wusste er auch nicht. Aber wieder geschah nichts.
Siege lachte und betätigte, immer noch Wildwing festhaltend, seinen Teleporter.

Wenig später wurde Wildwing in der Raptor zu Boden geworfen. Und als er sich aufrappelte stand sein größter Feind vor ihm – Draganus.
Der Saurier starrte ihn abschätzig an.
„Siege, was soll das hier?“, fragte er, ohne seinen Untergebenen anzusehen. „Wieso bringst du diesen Erpel hierher? Willst du uns verraten?“
„Nein, Boss“, sagte Siege. „Er war allein. Ich habe ihn in die Mangel genommen, aber die anderen Vögel waren nicht da.“
„Und bist du auch auf die geniale Idee gekommen, dass er einen Sender bei sich haben könnte?“, fragte Draganus weiter.
Siege schluckte hörbar. „Ähm, na ja… er sagt, er müsse mit uns reden.“
„Und worüber will er mit uns reden? Wie er uns am Besten vernichten kann?!“
Draganus‘ Stimme war wütend, und nun packte er Wildwing und schleuderte ihn gegen die nächste Wand.
„Nein“, antwortete Wildwing, als er sich wieder aufrappelte. „Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet.“
„Nein? Du bist also nicht Wildwing, der Teamcaptain der Mighty Ducks?!“, fragte Draganus mit drohender Stimme, packte Wildwing diesmal am Hals und drückte ihn gegen die Wand.
„Doch“, presste Wildwing hervor. „Aber nicht so wirklich.“
Draganus sah ihn durchdringend an. „Nicht so wirklich? Ach so.“ Und dann schleuderte er den Erpel wieder von sich, und Wildwing landete in der Mitte der Kommandobrücke.
„Zieht ihm die Rüstung aus!“, befahl Draganus. „Ich will sicher gehen, dass er nicht verkabelt ist.“
Siege trat heran und riss Wildwing Unterarmschützer herunter und zog ihm dann den Brustpanzer vom Körper. Doch da stutzte Siege und starrte auf die Stelle auf Wildwings Brust, die nicht von seinem Overall verdeckt war. „Boss…“
„Was?!“, fragte Draganus aufgebracht und folgte Sieges Blick. Auch er stutzte kurz. Doch dann stürmte er auf Wildwing zu.
„Wo ist deine Narbe?!“, fragte er wütend. Wieder packte er Wildwing. „Ich habe Wildwing vor einem halben Jahr mit einem Laser erwischt, der seinen Brustpanzer durchschlagen hat. Wildwing hat eine Narbe auf der Brust. Eine riesige Narbe! Wo ist sie?!“
Wildwing sah ihn einfach nur an.
Draganus atmete ein paar Mal keuchend ein und aus. Dann setzte er Wildwing ab. „Wer bist du?“

„Ich weiß also weder, wie ich hierhergekommen bin, noch, wie ich wieder in meine Welt zurück kann“, schloss Wildwing seine Erzählung.
Draganus, der auf seinem Thron Platz genommen hatte, nickte ein paar Mal.
„Nun“, sagte der Saurian Overlord, „wie du bestimmt mitbekommen hast, laufen hier ein paar Dinge anders. Die Enten widmen sich nicht der Verbrechensbekämpfung, sondern sind eher Verursacher von Verbrechen. Den Menschen machen sie jedoch weis, dass wir hinter all diesen Einbrüchen und Verwüstungen stecken, was sie bei diesen natürlich sehr beliebt macht. In der Eishockeyliga haben sie bereits alle geschmiert, da sie ja nicht gerade über wenig Geld verfügen. Und so gewinnen sie Jahr um Jahr den Stanley-Cup. Dass es nicht an ihrem sportlichen Können liegen kann, scheint niemandem aufzufallen.“ Draganus zuckte mit den Schultern. „Wir tun also unser Bestes, um den Schaden, den sie anrichten, zumindest etwas einzudämmen.“
Dann sah er Wildwing direkt an. „Ich kann dir leider auch nicht sagen, wie du in deine Welt zurück kannst, aber für’s Erste kannst du dich uns anschließen.“
Der Erpel legte die Stirn in Falten. „Darüber muss ich nachdenken.“
In diesem Augenblick ging ein Alarm los. „Nun, wenn du willst, kannst du dir ansehen, was die Ducks hier so treiben.“ Dann sah er zu seinen drei Untergebenen. „Ein Einbruch in ein Juweliergeschäft. Kümmert euch darum. Und nehmt unseren Gast mit, passt aber auf, dass er nicht entdeckt wird.“
Die drei nickten. Siege legte Wildwing eine Hand auf die Schulter. Dann betätigten sie ihre Teleporter.

Wenig später landeten sie in einer Seitengasse. Wildwing sah auf die Hauptstraße. Vor einem Juweliergeschäft standen vier Ducks-Motorräder und Andreas schwarzes Motorrad. Vor dem Juweliergeschäft hatten sich Nosedive, Mallory, Andrea, Duke und Grin aufgestellt.
„Die Kameras sind aus?“, fragte Nosedive gerade über Funk.
„Die sind nicht nur aus, sondern mausetot. Genau wie das gesamte Sicherheitssystem“, war Tanyas Stimme zu hören.
„Dann kann’s ja losgehen!“, rief Grin und rieb sich die Hände. Er rannte los und sprang mit voller Wucht durch die Scheibe.
Duke zuckte bei dem Klirren kurz zusammen und schüttelte dann den Kopf. „Dieser brachiale Stil ist echt furchtbar. Da blutet mir das Herz!“
„Ach, reiß dich zusammen, L’Orange!“, gab Andrea zurück. „Wir wollen das mal ausnützen, dass Wildwing nicht da ist und nur unter uns aufteilen. Da muss es halt schnell gehen!“
„Das aus deinem Schnabel zu hören, schmerzt sogar noch mehr“, erwiderte Duke und griff sich theatralisch an die Brust. Andrea schnaubte bloß und stieg durch die zerbrochene Scheibe ins Innere des Geschäfts. Mallory folgte ihr, und schließlich verschwanden auch Duke und Dive in dem Laden.
„Okay, dann wollen wir mal“, sagte Siege, und die drei Saurier setzten sich in Bewegung.
„Du bleibst hier“, sagte Wraith noch zu Wildwing.
Als die Enten schwer beladen das Juweliergeschäft wieder verließen, mussten sie feststellen, dass ihnen der Weg von drei Sauriern versperrt war.
„Die Saurier!“, rief Nosedive und griff nach seiner Puckkanone.
„Blitzmerker!“, erwiderte Mallory und verdrehte die Augen, ehe auch sie das Feuer eröffnete.
Andrea warf ihren Sack voller Beute Grin zu. „Los, bring das ins Hauptquartier! Und wehe, du klaust was von meinem Anteil. Ich weiß, was drin ist.“
„Andrea hat Recht. Grin ist der Stärkste, er soll die Beute zurückbringen, während wir diese Ekelechsen in die Schranken weisen“, erklärte Duke und warf auch seinen Beutel dem großen Erpel zu. Bald war Grin mit der gesamten Beute beladen und wollte sich in die andere Richtung davonmachen. Die Saurier waren dermaßen von den Enten in Beschlag genommen, dass sie nichts tun konnten.
Wildwing beobachtete das Ganze schockiert, doch dann – ohne, dass er noch genau wusste, was er tat – stellte er sich selbst Grin in den Weg. Er schoss einen Fesselpuck auf den großen Erpel ab, der sich um seine Beine wickelte und ihn der Länge nach auf dem Boden landen ließ. Einige der Säcke gingen auf, und deren glitzernder Inhalt verteilte sich auf dem Asphalt.
„Wohin des Wegs, Grin?“, fragte Wildwing ernst.
„Ach, du bist es, Wildwing“, erwiderte Grin, während er sich von den Fesseln befreite und aufstand. „Komm, sei kein Spielverderber. Wir geben dir auch einen Teil ab. Du kannst doch nicht gleich so sauer sein, nur weil wir einmal ohne dich zuschlagen.“
„Ich bin nicht sauer, weil ihr ohne mich zugeschlagen habt“, antwortete Wildwing. „Ich bin sauer, dass ihr überhaupt zugeschlagen habt.“
Mittlerweile hatten auch die Kämpfenden Wildwings Auftritt mitbekommen.
„Ach, komm schon, großer Bruder“, rief Nosedive vom Kampfplatz her. „Wir dürfen doch auch mal einen draufmachen!“
„Darum geht es nicht, Dive“, erwiderte Wildwing ruhig. „Es geht darum, dass ihr überhaupt stehlt.“
„Wie? Das tun wir doch schon immer!“, gab Duke zurück. „Wir machen das, seit wir hier sind.“
„Ja“, stimmte Grin seinem Teamkollegen zu. „Wir waren nie anders.“
„Nun“, sagte Wildwing, „dann seid ihr es von jetzt an.“
Er sah Grin direkt an und zielte dann auf ihn. Grins Augen verengten sich. Dann stürmte er los. Wildwing konnte die Attacke gerade noch so mit seinem Eisschild abwehren.
Bald kämpfte er Seite an Seite mit den drei Sauriern. Die Situation wurde brenzlig – für die Enten. Sie verloren immer mehr an Boden, was Nosedive mit einigen Flüchen kommentierte, von denen sich Wildwing ernsthaft fragte, wo er sie aufgeschnappt hatte.
Doch gerade, als der Sieg zum Greifen nah war, wurden die drei Saurier und Wildwing von anderer Seite unter Beschuss genommen. Mehrere Explosivpucks landeten direkt vor ihren Füßen. Wildwing sah nach oben und erkannte die Aerowing.
„Kann es sein, dass ihr Hilfe braucht?“, fragte die Technikerin über Funk.
„Ein wenig vielleicht“, antwortete Nosedive.
Kurz darauf ließ Tanya von der Seitentüre her eine Strickleiter herab, stellte jedoch die Attacken auf die Saurier nicht ein. Nach und nach kletterten die Enten die Strickleiter hoch.
Für den kurzen Moment, in dem Tanya wenden musste, stellte sie das Feuer ein. Wildwing sah seine Chance gekommen, rannte nach vor und kletterte nun ebenfalls die Strickleiter hoch.
Er war schon fast oben angekommen, als Duke an die Seitentüre trat und sein Schwert zückte. Es war klar, was er vorhatte. Wildwing kletterte schneller, und als Duke die Seile durchtrennte, konnte er sich gerade noch am Rand der Aerowing festklammern. Duke sah ihn wütend an und hob gerade den Fuß, um nach dem weißen Erpel zu treten, da stieß ihn Mallory zur Seite.
Sie musterte Wildwing eine Weile. Der Erpel hielt ihrem Blick stand.
„Mallory“, sagte er schließlich.
„So ist das also“, sagte Mallory wütend zu ihm. „Der große Wildwing hat die Seiten gewechselt.“
„Nein, das ist nur nicht meine Welt, deine auch nicht.“ Wildwing sah sie direkt an. „Du bist nicht so. Ihr alle seid in Wahrheit gar nicht so.“
Mallory kniff wütend die Augen zusammen. „Ach, ich bin gar nicht so? Ich sage dir was, Wildwing: Ich bin schon mein ganzes Leben so. Und vor allem“ – sie nahm ihren Ring vom Finger und warf ihn Wildwing mitten ins Gesicht – „bin ich nur gut genug für denjenigen, der die Maske trägt.“ Und mit diesen Worten hob sie ihren rechten Fuß und trat Wildwing mit voller Wucht gegen den Brustkorb. Der Tritt war so stark, dass er den Halt verlor.
Erschrocken sah er noch zu Mallory hoch, doch dann fiel er und fiel und fiel…

Mit einem lauten „Nein!“ schreckte der Erpel hoch. Er atmete ein paar Mal keuchend ein und aus und sah sich um. Er lag mitten auf der Straße, nicht weit entfernt von ihm sein Motorrad – oder eher das, was noch davon übrig war. Wildwing fasste sich an den Kopf. Er trug die Maske. Vorsichtig nahm er sie ab und sah sie an – golden. Erleichtert atmete er auf, ehe er sie wieder aufsetzte.
Er sah auf, als er etwas hörte. Neben ihm kam ein Motorrad zum Stehen. Es war Mallory, dicht gefolgt von Nosedive.
„Geht es dir gut?“, fragte die rothaarige Ente.
„Nur ein wenig Kopfschmerzen“, antwortete Wildwing und stand auf. „Diese Kerle haben wir noch ganz brav der Polizei übergeben“, erklärte Nosedive.
„Gut gemacht, ihr beiden“, sagte Wildwing und setzte sich hinter seinem Bruder auf’s Motorrad. „Sehen wir zu, dass wir nach Hause kommen.“
Nosedive nickte und fuhr los.
Mallory folgte den beiden. Als sie Gas gab, blitzte der violettfarbene Stein am Silberring an ihrer rechten Hand auf.

Ende der zehnten Episode

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