Ein Versteckspiel mit Folgen

Lachend rannte Kiwi durch die Gänge des Raumschiffs. „Fangt mich doch, wenn ihr könnt!“
Hinter ihr rannten Cat De Rouge und ein anderes Mitglied aus Mikados Crew her. Die kleine Ente war allerdings so flink, dass sie ihnen immer wieder entwischte, wenn sie nahe genug an sie heran kamen, um sie zu packen.
Schließlich erreichte die Kleine die Kommandobrücke, wo sie Haken schlug und allerlei Crewmitglieder dazu brachte, ihr aus dem Weg zu springen.
Schließlich steuerte sie auch auf Mikado zu, doch der Palmkakadu zeigte sich unbeeindruckt, warf Kiwi im Gegenteil einen kalten Blick zu.
Das überraschte Kiwi so sehr, dass sie abrupt abbremste und schlitternd vor Mikado zum Stehen kam.
Ihr Gegenüber ließ den Blick kurz auf der kleinen Ente ruhen, dann wandte sie sich Cat und dem anderen Crewmitglied zu, die mittlerweile aufgeholt hatten.
„Habe ich euch nicht gesagt, ihr sollt aufpassen, dass sie keinen Unfug anstellt?“, fragte sie kalt.
„Das haben wir doch!“, erwiderte Cat. „Aber dann hat sie beschlossen, fangen spielen zu wollen.“
„Und zwei Mitglieder meiner Crew schaffen es nicht, eine kleine Ente zu fangen?“ Mikados Blick war schneidend. Cat senkte beschämt den Kopf.
„Seht zu, dass sie sich ruhig verhält“, befahl der Palmkakadu. „Ich habe zu tun und will daher nicht gestört werden.“ Dann nahm sie wieder ihren Platz auf der Kommandobrücke ein.
Cat trat zu Kiwi und nahm sie bei der Hand. „Komm, Kiwi, wir gehen.“
Das Entenmädchen sah ein paar Mal von Cat zu Mikado und wieder zurück. Sie hatte verstanden, dass irgendetwas schief gelaufen war. Aber warum hatte Mikado denn nicht einfach mitgespielt?
„Spielt Mikado nicht gerne fangen?“, fragte sie, als Cat sie wegführte.
„Ich glaube, Mikado spielt gar nicht gerne“, war die Antwort.
„Und was machen wir jetzt?“
„Wir spielen ein anderes Spiel.“
„Und was?“
„Ich lasse mir was einfallen.“

„Zeichnen ist langweilig!“, maulte Kiwi eine halbe Stunde später auf ihrem Zimmer und ließ den Buntstift fallen.
Cat hatte sie zum Zeichnen verdonnert, aber das war auf Dauer keine Beschäftigung für sie.
„Und was ist mit Domino?“, fragte Cat.
„Du meinst, die Steine aufstellen und dann umstoßen, sodass ganz, ganz viele umfallen?“ Kiwis Augen glänzten vor Begeisterung.
Cat überlegte. Für das Aufstellen musste Kiwi sich ruhig verhalten, aber das Umstoßen von „ganz, ganz vielen“ Dominosteinen würde wohl doch bemerkt werden und Mikado eventuell stören. „Ähm, eher nicht.“
Kiwi seufzte enttäuscht.
Ihre Aufpasserin dachte inzwischen nach. Es musste doch ein Spiel geben, das Kiwi beschäftige, ohne sie dazu zu veranlassen, das halbe Raumschiff auf besagtes Spiel aufmerksam zu machen. Und dann kam ihr eine Idee.
„Wir könnten verstecken spielen“, sagte sie lächelnd. „Du weißt doch, wie das geht?“
„Natürlich, aber das ist langweilig“, war Kiwis Antwort.
„Ach, das sagst du doch nur, weil du es nicht kannst.“
„Gar nicht wahr! Ich bin Meisterin im Versteckspielen!“ Kiwi sah Cat herausfordernd an.
„Oh nein, Liebes, das bin immer noch ich“, erwiderte die Entenfrau. „Aber ich verstehe selbstverständlich, dass du nicht gegen mich antreten willst. Immerhin würdest du verlieren. Ich an deiner Stelle würde das auch nicht wollen.“
„Gar nicht wahr! Ich werde mich so gut verstecken und so leise sein, dass du mich nie und nimmer findest!“
„Ach was! Das kannst du doch gar nicht!“
„Kann ich wohl! Du wirst schon sehen!“
Cat grinste in sich hinein. Das klang doch vielversprechend. „Gut, dann zähle ich bis hundert. Bist du bereit?“ Kiwi nickte. „Okay.“ Cat wandte Kiwi den Rücken zu. „1, 2, 3,…“
Sie hörte sofort, wie die Tür aufglitt und Kiwi nach draußen huschte. Sie zählte noch bis 25, setzte sich dann auf den Boden und schnappte sich ein Buch aus dem Regal. Endlich Ruhe!

Zwei Stunden später machte Mikado einen Rundgang durch ihr Raumschiff und traf dabei auf Cat.
„Ausgezeichnete Arbeit, Cat“, sprach sie die Ente an. „Ich habe jetzt schon eine ganze Weile nichts von Kiwi gehört.“
„Ja, ist das nicht ‘errlich?“, antwortete Cat.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Mikado.
Cat nickte.
„Du hast gerade das ‚h‘ verschluckt. Bist du irgendwie nervös?“
Cat schüttelte energisch den Kopf.
Mikado beäugte sie misstrauisch. „Was ist los?“
Die graue Ente sah nervös um sich, als wollte sie einen Ausweg suchen, seufzte dann aber resigniert. „Ich kann Kiwi nicht finden!“
„Was soll das heißen, du kannst sie nicht finden?“
„Nun, also, wir haben verstecken gespielt. Ich dachte mir, das wäre eine gute Idee, da sie da leise sein muss. Aber nun kann ich sie nicht finden!“
„Du spielst in einem riesigen Raumschiff wie meinem mit einer kleinen Ente wie Kiwi verstecken?“ Ungläubig sah Mikado ihre Untergebene an. „Bist du denn noch zu retten?!“ Rasch holte sie ihr Funkgerät heraus. „An alle Crewmitglieder! Macht euch sofort, ich wiederhole: sofort alle auf die Suche nach Kiwi!“

Nach einer weiteren Stunde hatten sich Cat und Mikado wieder auf der Kommandobrücke eingefunden.
„Habt ihr sie gefunden?“, fragte Mikado bei ein paar eintreffenden Crewmitgliedern nach. Ein Kopfschütteln war die Antwort. „Aber irgendwo muss sie doch sein!“
Cat überlegte einen Moment, trat dann an das Kontrollpult. „Ich habe eine Idee." Sie drückte ein paar Knöpfe und machte dann eine Durchsage, die im ganzen Raumschiff zu hören war.
„Kiwi, hier spricht Cat“, sagte sie. „Ich gebe mich hiermit offiziell geschlagen. Du hast bewiesen, dass du besser im Versteckspielen bist als ich. Aus diesem Grund hat Mikado beschlossen, dich hier auf der Kommandobrücke zur Königin des Versteckspiels zu ernennen. Und um das zu feiern, gibt es einen riesigen Schokoladekuchen. Komm schnell auf Kommandobrücke, sonst essen wir den Kuchen alleine.“
Die Durchsage war noch kaum verklungen, als sich die Türen der Kommandobrücke öffneten und Kiwi hereinspazierte. Cat sah sie ungläubig an. Sie hatte gesagt, dass sie schnell sein solle, aber dass sie so schnell war, damit hatte sie dann doch nicht gerechnet. Dann rannte sie auf die Kleine zu und umarmte sie stürmisch.
„Da bist du ja!“, rief sie.
„Ich hab dir doch gesagt, dass ich gut bin“, sagte Kiwi fröhlich.
Cat löste die Umarmung und sah das Entenmädchen an. „Wo hast du nur gesteckt?“
Kiwi zwinkerte ihr frech zu. „Das ist mein Geheimnis.“
Nun trat auch Mikado zu der Kleinen und ging in die Knie, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein.
„Hab ich wieder was falsch gemacht?“, fragte Kiwi unsicher.
Doch anstatt einer Antwort umarmte auch Mikado sie. Kiwi war zuerst überrascht, erwiderte die Umarmung dann aber. Dann ließ der Palmkakadu sie wieder los und stand auf.
„Meine kleine Versteckspielkönigin“, sagte sie lächelnd.
Kiwi lächelte ebenfalls, sah sich dann aber auf der Kommandobrücke um. „Und wo ist mein Kuchen?“

Ende

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