Allein

"Hab die Ekelechsen gesichtet und nehme Verfolgung auf."
Nosedive drückte den Hebel durch, und die Aerowing beschleunigte so stark, dass es ihn in den Sitz zurück drückte. Er hatte die Jagd auf einen kleinen roten Jet aufgenommen.
"Sei lieber vorsichtig, Dive", hörte er Wildwings Stimme aus dem Funkgerät. "Wir haben es noch nie zuvor mit diesem Ding zu tun gehabt."
"Komm schon, Bro. Wann hatte Dragaunus je etwas, das uns in ernsthafte Gefahr gebracht hätte? Gut, es war schon ein paar Mal knapp, aber wir hatten noch nie wirklich schlimme Verletzungen."
Der Pilot des Jets hatte wohl den Verfolger bemerkt, denn eine kleine Kanone fuhr aus dem Dach und eröffnete das Feuer.
Nosedive lachte kurz auf. "Was mit dem kleinen Ding wollen sie - whoa!"
Eine Minirakete hatte den rechten Flügel getroffen und die Aerowing ins Trudeln gebracht. Noch bevor der junge Erpel zum Gegenfeuer ansetzen konnte, kam ein zweiter Treffer und schleuderte die Aerowing fast auf den Kopf. Dive hatte Probleme, die Kontrolle zu behalten. Ein dritter Treffer schlug an derselben Stelle wie die beiden ersten ein.
"Zur Hölle, hört auf meine rechte Seite zu bombardieren!"
Die vierte Rakete explodierte, ein heftiger Ruck und ein ohrenbetäubendes metallisches Krachen. Der rechte Flügel war halb weggerissen worden, die Aerowing geriet ins Trudeln und verlor rasant an Höhe. Verdammt, dort unten war ein Dorf. Er würde genau dort eine Bruchlandung machen. Nosedive riss das Steuer herum und nahm jetzt stattdessen einen steilen Kurs auf ein Waldstück. Er hatte keine Möglichkeit mehr, auszuweichen oder den Jet zu einer weicheren Landung zu bewegen. Als die ersten paar Bäume an der Hülle vorbeischrammten, drückte er sich nur so weit wie möglich in den Sitz und hielt die Arme schützend vor's Gesicht.

"Dive, hörst du mich? Komm schon!"
Wildwing hämmerte verzweifelt auf die Tasten von Drake One, aber auf dem Bildschirm herrschte weiterhin weißes Rauschen. Das Letzte, das sie empfangen hatten, war das metallische Geräusch, als Teile des Flügels abgerissen worden waren, dann hatten sie die Verbindung verloren.
"Ich hab die Koordinaten", rief Tanya. "Mit dem Migrator könnten wir es in höchstens einer halben Stunde dorthin schaffen."
"Dann los. Nosedive könnte unsere Hilfe brauchen."

Die Sonne ging langsam unter. Der Wald war in düsteres Zwielicht getaucht. Nosedive fror. Regen prasselte auf die Aerowing und tropfte langsam durch einen Riss in der Decke. Warum war der Regen plötzlich da? Oder regnete es schon die ganze Zeit und er hatte es nur nicht bemerkt? Langsam klärte sich sein Blick. War er komplett weggetreten gewesen? Nein, er konnte sich an einen Aufprall erinnern, wie es ihn hin und her geschleudert hatte, an den Lärm, an Schmerz. Blut rann von einer Platzwunde, die sich über einen Teil der Stirn, seine linke Augenbraue bis hin zu seiner Schläfe zog. Er versuchte seine Beine zu bewegen. Viel konnte er sich zwar nicht rühren aber seine Muskeln gehorchten immerhin noch, und es schien auch nichts gebrochen zu sein. Vor dem Aufprall hatte er sie nah an den Sitz gepresst. Die Vorderseite des Jets war zwar so weit eingedrückt worden, um seine Beine festzuklemmen, aber nicht weit genug, um sie zu verletzen. Dafür spürte er jetzt den stärker werdenden Schmerz in seinem rechten Arm, der auf seinen Oberschenkeln lag. Er versuchte den Kopf zu drehen, ließ es aber bleiben, als ihm schlecht wurde und das Pochen in seinem Kopf sich verstärkte. So wie sich die Landung angefühlt hatte, müsste die Aerowing jetzt ein totales Wrack sein, Überlebenschancen nur sehr gering. Doch soweit Nosedive von seiner Position aus erkennen konnte, war nur die Vorderseite eingedrückt und ein Flügel fehlte, wahrscheinlich hatte die Hülle auch noch Dellen davongetragen, als er die Bäume gerammt hatte. Noch nicht einmal Rauch war zu sehen oder zu riechen. Stumm dankte der Erpel Tanya für ihre technischen Fähigkeiten und dass sie den Jet dermaßen verstärkt hatte. Tanya ... was würde sie sagen, wenn sie die Aerowing so sah? Vielleicht wusste sie es schon. Hoffentlich hatten die anderen den Absturz noch gesehen und wussten, in welcher Lage er sich befand. Hoffentlich waren sie bereits auf dem Weg. Die nasse Kälte kroch ihm bis unter die Haut, und jetzt fühlte er langsam Angst in sich hochsteigen. Die letzte Position, die sie von ihm hatten, war die vor seinem Absturz. Dazwischen hatte die Aerowing mehrmals den Kurs geändert, war über ein Dorf geflogen und wer weiß wie weit in einen Wald hinein. Der Wind raschelte irgendwo in der sich langsam ausbreitenden Dunkelheit im Laub von Bämen. War hier überhaupt eine Straße in der Nähe? Nein, er durfte jetzt nicht in Panik ausbrechen. Das würde ihm nicht weiterhelfen, vielleicht alles nur noch schlimmer machen. Er atmete ein paar Mal tief durch, versuchte sich zu beruhigen, doch je ruhiger er wurde, desto mehr überfiel ihn Erschöpfung - eine geradezu bleierne Müdigkeit. Er durfte auch nicht einschlafen. Von weit her näherte sich ein Lichtbündel, und er hörte Motorengeräusche. Hier war eine Straße in der Nähe. Das Licht brach sich in den tausenden von Splittern, in die die Scheibe gebrochen war. Hoffentlich blieb er stehen, hoffentlich bog er nicht ab. Nein, er blieb stehen. Geblendet schloss Nosedive die Augen. Jemand näherte sich. So fest er konnte, ohne dass sein schmerzender Kopf erneut protestiert hätte, hämmerte er mit seiner gesunden Hand gegen die Scheibe.
"Da bewegt sich einer drin!" Beratung. "Können Sie beim Fenster raus? Die Tür klemmt."
"Ich stecke fest", sagte Nosedive so laut er noch konnte. Die Menschen dort draußen mussten sich so nah wie nur möglich an den Jet lehnen, um ihn zu verstehen. "Wir werden Hilfe holen. Die Polizei oder die Feuerwehr."
"Nein, ich brauche Tanya. Die Aerowing ist zu komplex. Wenn man an einer falschen Stelle zu arbeiten beginnt, könnte es sich noch weiter eindellen." Nosedive dachte einen Augenblick nach, während die Menschen draußen sich berieten. Tanya konnten sie unmöglich ohne einen Communicator erreichen. Dann rief er: "Ruft Phil an, sagt ihm, wo ich bin." Er nannte ihnen die Nummer und hoffte, dass Phil die anderen über Drake One erreichen konnte, wenn sie schon unterwegs waren.
Wieder Beratung, dann: "Okay, wir suchen eine Telefonzelle."
Warum konnte nicht jeder bereits wie Phil ein Handy haben?
Autotüren schlugen zu und der Wagen entfernte sich wieder. Allein... Der Regen prasselte noch immer, tropfte von der Decke und durchtränkte seine Kleidung. Gelegentlich fröstelte er, dann kamen durch die plötzliche Bewegung die Übelkeit und der Schmerz in seinem Kopf zurück. Der kurze Hoffnungsschimmer, der mit dem Auto vorhin aufgetaucht war, war verschwunden. Die Angst kam zurück, schloss sich wie eine eisige Faust um sein Herz. Hatte er gerade ein Knistern gehört, etwas, das klang wie eine Flüssigkeit, die auf etwas heißes tropfte und verdampfte? Er sah sich um, soweit sein Kopf dies zuließ. Nirgendwo war Feuer auszumachen, und es roch auch weiterhin nur nach nassem Wald und Flugzeug.
Die Kälte war unerträglich. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie er in eine Decke gewickelt vor dem Heizkörper in seinem Zimmer saß. Für einen kurzen Moment konnte er so den beißenden Schmerz aus seinen Gliedern vertreiben. War da draußen wieder Licht oder hatte er sich das nur eingebildet? Nein, es kam wieder ein Auto. Das Scheinwerferlicht fühlte sich warm an. Fast wäre er in Tränen ausgebrochen, Tränen der Erleichterung. Er erkannte den Migrator an seinem Motorengeräusch.
Schritte näherten sich über den schlammigen Waldboden. Jemand rüttelte an der Tür. "Dive? Bist du okay?", hörte er Wildwings Stimme.
Nein, aber immerhin lebte er noch. Er hob die Hand um ihm ein Okay zu zeigen. "Grin, versuch du, die Tür aufzubringen."
Es knackte und krachte. Ein Spalt öffnete sich und Nosedive spürte einen Windhauch an seiner Seite.
"Tut mir Leid, sie hat sich total verkeilt."
"Wir müssen sie aufschneiden", hörte er Mallorys Stimme.
"Unmöglich", sagte Tanya, "Wenn wir hier ansetzen, drückt sich die Tür nach innen, wir müssten bei der Frontscheibe ansetzen."
Wildwing war nach vorne gegangen und betrachtete die Aerowing von dieser Seite. "Wenn wir das tun, platzt die Scheibe."
Die kalte Faust der Panik kam zurück. Seine Freunde waren zwar bei ihm, aber sie hatten keine Möglichkeit, zu ihm zu gelangen. Nosedive stemmte sich mit aller Kraft gegen den Sitz, versuchte seine Beine freizukriegen, ein stechender Schmerz fuhr durch seinen gebrochenen Arm, und in seinem Kopf hämmerte es, aber er wollte darauf nicht mehr achten. "Ich will hier raus! Ich will hier einfach nur raus!"
"Dive, bitte bleib ruhig", kam Wildwings Stimme. "Wir werden dich hier rausholen, versprochen, aber du musst ruhig bleiben, sonst verletzt du dich noch mehr."
Etwas berührte Nosedive am Arm. Erst Fingerspitzen die nach ihm tasteten, dann eine Hand auf seiner Schulter, kalt und nass, und doch strahlte sie eine beruhigende Wärme aus. Langsam ließ er sich in den Sitz zurücksinken. Es war nur eine kleine Berührung, aber sie vermittelte ihm Sicherheit, Geborgenheit. Sie alle waren da draußen, sie konnten ihm helfen, irgendwie. Er konnte den Kopf nicht bewegen, um zu sehen, wessen Hand auf seiner Schulter lag, aber er konnte Grin oder Wildwing ausschließen. Der Spalt war nur sehr schmal. Er hob seinen linken Arm, tastete nach der Hand auf seiner Schulter und schloss seine Finger darum. Sie erwiderte seinen Druck.
Rechts vor sich hörte er die Geräusche von Metall, das aufgeschnitten wurde. Stück für Stück konnten sie die Vorderseite der Aerowing entfernen, dann auch die Frontscheibe, die nun nicht mehr so stark unter Spannung stand. Die ganze Zeit blieb die Hand bei ihm.
Ein grelles Folgetonhorn erschallte, blaue Lichter zuckten umher.
"Ich muss dich jetzt loslassen, damit sie dich in den Krankenwagen bringen können", hörte er eine heisere Stimme - Dukes Stimme. "Aber keine Angst, wir bleiben bei dir."
Nosedive schloss die Augen, nicht nur, weil das Blaulicht weh tat, sondern auch, weil er es nicht mehr länger schaffte, sie offen zu halten. Er spürte, wie sie ihn von seinem Stiz losmachten, den Schmerz, während er zur Trage gebracht wurde, und dann Entspannung. Er konnte die Augen nicht mehr öffnen, sah nicht mehr, wo er war, aber es war in Ordnung, solange er spürte, dass jemand bei ihm war. Er spürte Wildwing an seiner rechten Seite, der ihm vorsichtig das Blut von der Stirn wischte. "Die anderen folgen mit dem Migrator. Duke und ich, wir bleiben bei dir." Auf seiner anderen Seite war wieder Duke, seine Hand wieder auf Nosedives.
Das Rettungsauto setzte sich in Bewegung. Wohin würden sie ihn bringen? Bis nach Anaheim oder lag ein Krankenhaus auf dem Weg? Er wusste es nicht, und es war ihm derzeit auch egal. Jedenfalls immer der Hand nach.

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